Kreis Lippe. "Im Notfall zählt jede Sekunde” - diesen Satz hat wohl schon jeder einmal gehört. Aber wie reagiere ich bei einem Schlaganfall im Familienkreis richtig und vor allem, wie erkenne ich diesen Notfall überhaupt? Wer den FAST-Test kennt, kann schnell wichtige Hilfe leisten...
Ein fiktives Szenario
Familie Müller sitzt beim gemütlichen Sonntagsessen. Svenja und Ralf haben sich mit dem Braten selbst übertroffen - die Kinder sind auch dabei, sogar Oma Inge und Opa Heinz sind gekommen. Alle lachen, lassen sich das leckere Essen schmecken, unterhalten sich über die Urlaubsplanungen für Ostern. Doch irgendetwas stimmt plötzlich mit Opa Heinz nicht. Er sagt von jetzt auf gleich kein Wort mehr und sein Gesicht sieht seltsam aus.
Wer die Anzeichen eines möglichen Schlaganfalls in diesem Moment richtig erkennt, kann womöglich das Leben des Betroffenen retten.
"Time is brain - Zeit ist Gehirn", sagt Marcus Saueressig, Dienstgruppenleiter der Rettungsleitstelle des Kreises Lippe. "Je eher der Patient in eine Fachklinik gebracht wird, wo ihm neurologisch geholfen werden kann, umso eher kann man die gestörte Region des Gehirns wieder durchbluten." Umso besser steht die Chance, dass der Patient diesen medizinischen Notfall ohne Ausfallerscheinungen überlebt.”
Wie erkenne ich als Laie einen Schlaganfall?
Der FAST-Test ist leicht zu merken und liefert im Notfall wichtige Informationen.
Der Test: Familie Müller aus unserem fiktiven Szenario sollte vor allem die Ruhe bewahren und Opa Heinz genau ins Gesicht schauen (Face). Fällt dort eine Veränderung auf? Hängt eine Seite des Gesichtes oder gar ein Mundwinkel herunter? Geht der Blick des Betroffenen nur noch starr in eine Richtung? Er sollte auf jeden Fall sitzen bleiben und nicht bewegt werden. Kann Opa Heinz noch beide Arme heben (Arms) oder einen einfachen Satz wie "Es ist ein schöner Tag”, sagen (Speech)?
Wenn auch nur einer dieser Punkte nicht erfüllt werden kann, kann dies ein Hinweis auf einen Schlaganfall sein. "Deswegen ist der Zeitfaktor (Time) so entscheidend. Fallen Sprachverlust sowie Lähmungen im Gesicht oder Körper auf, sollte immer sofort der Notruf 112 gewählt werden", erklärt Marcus Saueressig.
Der Test kommt bei der Rettungsleitstelle oft zum Einsatz. "Wenn wir eine gewisse Vermutung aufgrund der Beschreibung des Anrufers haben, dann wird der FAST-Test abgefragt.” Er gebe dem Mitarbeiter der Leitstelle wichtige Informationen für die richtige und schnelle Einschätzung der Situation. "Der größte Fehler in solch einem Notfall ist, nichts zu unternehmen", sagt Saueressig.
Wer sich zudem nicht sicher sei, was genau er tun muss, der kann sich darauf verlassen, dass der Mitarbeiter am Telefon genau nachfragt und alle wichtigen Dinge erklärt. Der Rettungsprofi bleibt auch in der Leitung, bis die Situation unter Kontrolle ist oder der Rettungswagen samt Sanitätern vor Ort eingetroffen ist.
Die gesetzliche Hilfsfrist besagt übrigens, dass die Rettungskräfte nach 12 Minuten bei einem Notfallgeschehen da sein müssen. In der Stadt sei das mit der Zeit kein Problem - der ländliche Bereich mache da manchmal Probleme, erzählt Saueressig. "Ich als Disponent habe 1 bis 2 Minuten Gesprächszeit mit dem Anrufer, aufgrund der Schilderungen kreiere ich dann ein Szenario, was vor Ort passiert sein könnte, und leite darüber ab, was ich zum Einsatzort schicke.”
Die wichtigsten Fragen zuerst: Wo ist der Notfallort und wie lautet die Telefonnummer? Das sind die beiden ersten Fragen am Telefon. So haben die Rettungskräfte den Ort und eine Kontaktmöglichkeit, falls das Gespräch abbrechen sollte. Danach kommen alle weiteren Fragen - "das ist bei uns standardisiert”.
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Weitere Informationen zur Arbeit der Rettungsleitstelle finden Sie hier per Klick auf www.lippeschutz.de
Der Mitarbeiter in der Leitstelle führt das Gespräch - klar und strukturiert - um alle wichtigen Informationen zu erfahren. Was kann ich im Notfall noch helfen? "Wer Menschen in Not helfen will, muss vor allem ruhig bleiben", rät Marcus Saueressig. Denn Angst und Panik könnten sich auf den Patienten übertragen - "im Notfall kann das lebensbedrohlich sein."
Wenn beispielsweise eine Gruppe von Menschen vor Ort ist, sollte einer das Ruder übernehmen”, sagt Saueressig. "Wichtig ist, die Atmung des Betroffenen zu überprüfen und ihn nicht alleine zu lassen. "Sitzt der Patient auf einem Stuhl, sollte er da auch sitzen bleiben, aber gesichert werden, damit er beim Verlust des Bewusstseins nicht vom Stuhl fällt”, so der 47-Jährige.
Wärme sei ebenfalls eine gute Hilfe: "Einer kann zum Beispiel eine Decke holen. Ein anderer kann sich an die Straße stellen und dem Rettungsdienst den Weg weisen. Das ist vor allem im Dunkeln hilfreich und spart wertvolle Zeit für die Sanitäter.” Essen oder trinken sollte der Betroffene hingegen nicht, um das Risiko des Erbrechens zu mindern. "Auch wenn die Symptome nach kurzer Zeit wieder abklingen, sollte immer den Rettungsdienst alarmiert werden, denn irgendwas ist ja im Hirn passiert”, sagt der Rettungsprofi. Der Test kann hilft dabei, einen möglichen Schlaganfall frühzeitig zu erkennen. Im Notfall zählt eben wirklich jede Sekunde.
Die Tipps zusammengefasst:
- FAST-Test machen
- Notruf absetzen
- Sitzen lassen und sichern
- Beobachten und nicht alleine lassen
- Atmung kontrollieren
- Gut zusprechen
- Wärmen
- Falls der Patient bewusstlos wird, aber atmet, gehört der Patient in die stabile Seitenlage, damit die Atemwege frei bleiben
- Wenn der Patient nicht atmet, dann muss der Patient auf den Rücken gelegt und reanimiert werden
- Nachts: Licht im Haus und am Hauseingang anmachen, jemand anderes an die Straße schicken mit Taschenlampe, um den Rettungsdienst zu lotsen
- Kinder sollten das Geschehen nicht mitbekommen, um traumatische Erlebnisse zu vermeiden.
Diese Fehler sollten Sie vermeiden
- Die Not-Situation wird nicht erkannt
- Die Situation wird unterschätzt / ignoriert.
- Die Leitstelle wird zu spät gerufen.
- Statt des Notrufes wird der Hausarzt gerufen.
- Der Kranke wird selbst ins Krankenhaus gefahren. (Erklärung: Das ist zu gefährlich, weil man keine Kontrolle über den Patienten hat. Er kann jederzeit das Bewusstsein verlieren oder die Atmung kann aussetzen)
- Die Verkehrsregeln werden ignoriert.
(Erklärung: Als Laie hat man keine Sonderrechte für den Straßenverkehr. Wenn eine Ampel rot ist, dann darf man auch im Notfall nicht drüberfahren. Das ist bei Rettungswagen mit Martinshorn anders. Zudem haben die auch Ausrüstung an Bord, um beim Herzstillstand schnell reagieren zu können)