Kreis Lippe. Jedes zweite Unternehmen im Kreis Lippe erwartet negative Auswirkungen durch den Zoll-Deal mit den Vereinigten Staaten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer in ganz Deutschland, an der auch 32 Firmen aus Lippe teilgenommen haben. 56 Prozent von ihnen erwarten leichte bis erhebliche Belastungen für ihr Geschäft durch die Einigung zwischen EU und USA. Die Zahlen auf Bundesebene sind laut einer Pressemitteilung der Industrie- und Handelskammer Lippe ähnlich hoch. Noch mehr Unternehmen, nämlich 63 Prozent (im Bund sind es sogar 72 Prozent), leiden schon länger unter der restriktiven und vor allem unwägbaren Zollpolitik der Vereinigten Staaten. Keine Zölle auf US-Waren Wie berichtet, betragen die neuen Zollsätze 15 Prozent auf die meisten EU-Einfuhren in die USA. Umgekehrt verzichtet die EU zunächst auf Gegenmaßnahmen und sogar auf Einfuhrzölle für US-Waren. „Das ist ein sehr einseitiger Deal, der zulasten der EU und vor allem des EU-Mittelstandes geht“, kommentiert Andreas Henkel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Lippe, die Situation. Das sähen auch die Firmen in Lippe so. Über 53 Prozent wünschten sich deshalb von der EU eine härtere Gangart gegenüber der US-Führung – selbst auf die Gefahr hin, dass weitere Gegenmaßnahmen die Geschäfte noch mehr belasten. 20 Prozent meinen, dass die aktuelle Einigung besser sei als keine, weil sie eine Eskalation vermeide. „Keine seriöse Planung möglich“ Die höheren US-Zölle sind aber nur ein Problem. 80 Prozent der Firmen stört die dauerhafte handelspolitische Unsicherheit und damit die Sorge vor ständig neuen, geänderten Zöllen. Außerdem verursachen die seit sechs Monaten andauernden Kapriolen Schwankungen beim Euro-Dollar-Wechselkurs und höhere (Bürokratie-)Kosten. „Was da seit einem halben Jahr passiert, macht für Unternehmen mit US-Geschäft eine seriöse Planung und Preiskalkulation unmöglich“, bewertet Andreas Henkel die Lage. Die erhöhten Kosten am Zoll werden teils an die US-Kundschaft weitergegeben. Komplett klappt das aber nur in jedem fünften Fall. Der Rest der deutschen Unternehmen teilt sich die Mehrkosten mit den amerikanischen Partnern oder bleibt sogar selbst darauf sitzen. In vielen Fällen verteuern sich jedenfalls deutsche Produkte bei der Einfuhr in die USA. Das belaste die Wettbewerbsfähigkeit auf dem US-Markt – mit entsprechenden Konsequenzen. Bereits für die Hälfte der befragten Firmen mit US-Geschäft hat sich der Handel in letzter Zeit reduziert, so die IHK. „Zurück zur Position der Stärke“ Um die Ausfälle und Unsicherheit im US-Geschäft zu kompensieren, suchen deutsche Unternehmen aktuell nach alternativen Märkten. Drei von vier Betrieben nehmen dabei den EU-Binnenmarkt in den Fokus. Gut ein Drittel peilt die EFTA-Staaten an (darunter Großbritannien und die Schweiz) sowie den Asien-Pazifik-Raum. Für Andreas Henkel hat die neue, aggressive US-Handelspolitik eines klar aufgezeigt: die Ohnmacht der Europäischen Union. „Die EU muss aus einer Position der Schwäche schnell zu Einigkeit und Stärke finden. Insbesondere für den wichtigen transatlantischen Handel müssen wir wieder ein Partner auf Augenhöhe werden.“