Im Landgericht Darmstadt beginnt der Prozess gegen neun Angeklagte, darunter auch ein Lagenser. Sie sollen massenhaft Kinderporno-Bilder und Videos verbreitet haben.
Darmstadt/Lage. Die Verlesung der Anklage dauert zweieinhalb Stunden. 23 Verhandlungstage sind angesetzt. Richter Jens Aßling gibt mit einem Stoßseufzer zu, die dritte Strafkammer betrete mit dem Verfahren Neuland. Die ungeheure Datenmenge an pornografischen Darstellungen, die über das Internet verbreitet wurden, und die Arbeitsweise der Bande, wie sie in der Anklageschrift beschrieben wird, "sind in der deutschen Rechtsprechung bislang ohne Vorbild".
Es geht um Kinderpornografie - um mindestens 100 000 Bilder und Videos des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, die auf den Rechnern der Angeklagten gefunden wurden. In Darmstadt wird verhandelt, weil der Hauptangeklagte aus Wald-Michelbach im Odenwald stammt. Der 57 Jahre alte Speditionskaufmann soll seit den neunziger Jahren seine Nichte und zwei weitere Kinder im Grundschulalter sexuell missbraucht haben. Die letzten Misshandlungen, verübt an einem siebenjährigen Jungen, ereigneten sich kurz vor seiner Verhaftung vor knapp einem Jahr. Auch dem 33-jährigen Lagenser wird vorgeworfen, sich an einer Sechsjährigen vergangen zu haben. Die Anklage listet zehn Einzelfälle von Juli 2008 bis September 2009 auf.
Der Handel mit den Aufnahmen verbarg sich laut Polizei hinter harmlos klingenden Namen wie "Zauberwald", "Sonneninsel" oder "Lighthouse" - alles Internet-Plattformen für Pädophile, auf denen sich Eingeweihte unter Decknamen wie "Lumpi" oder "Waldmeister" über ihre Neigung ausgetauscht und Bezugsquellen für Kinderpornos weitergereicht haben.
Andreas May und Rainer Franosch, die Anklagevertreter von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internet-Kriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, zeichnen am Mittwoch im Gerichtssaal ein Bild der Arbeitsweise des Kinderporno-Rings nach. Die Beschuldigten seien bandenmäßig vorgegangen, erklärt Oberstaatsanwalt May. Die geschlossenen Besuchergruppen waren über Internet-Suchmaschinen nicht zu finden. Wer Zugang zu den Plattformen erhalten wollte, musste mindestens eine bislang unbekannte Bezugsadresse für Kinderpornos beisteuern.
Innerhalb der geschlossenen Gruppen mit teilweise mehreren hundert Mitgliedern herrschte eine ausgeklügelte Hier-
archie. So teilte sich die Zauberwald-Plattform in "Open Zauberwald", "Semi Zauberwald", "Zauberwald privat" und "Premium Zauberwald" auf. Tonangebend waren die Administratoren und die nachgeordneten Moderatoren. Sie entschieden über Beförderung oder Ausschluss von Interessenten.
Technisch versierte Administratoren versuchten, die Chatrooms und Tauschbörsen vor den Internet-Ermittlern der Kripo abzuschotten. Sie hatten damit aber nur zeitweise Erfolg. Die Fahnder erhielten im vergangenen Jahr einen anonymen Hinweis auf den Ring. Am 29. September 2009 wurde die Bande in einer bundesweiten Durchsuchungsaktion ausgehoben. Noch immer sind jedoch nicht alle Teilnehmer identifiziert. Die neun Angeklagten werden als Administratoren bezeichnet. Die Verfahren gegen die reinen Nutzer - etwa 140 sind bislang namentlich bekannt - wurden abgetrennt.
"Wir reden hier nicht von harmlosen Nacktbildchen", erklärt Oberstaatsanwalt May. Die Dateien umfassten alle Arten sexueller Handlungen, die von und an Kindern ab dem Säuglingsalter verübt wurden.Das Sichten dieser Dateien sei für die Strafverfolger eine "erhebliche Belastung" gewesen, räumen May und Franosch ein. Beide sind selbst Väter kleiner Kinder. "Man versucht, diese Dinge so gut wie möglich im Büro zu lassen."