Lage/Kreis Lippe. Sie hatten sich auf einen ruhigen Sanitätseinsatz eingerichtet. Doch zehn Malteser aus Lage fanden sich plötzlich als einige der ersten Retter im Unglücks-Tunnel bei der Duisburger Loveparade wieder. "96-01 mobile Sanitätsstation Loveparade 2010 Duisburg" lautete der Name der Einheit um Zugführer Nils Brandes aus Lage am Unglückstag, dem 24. Juli vergangenen Jahres. Diese Einheit umfasste insgesamt 30 Ehrenamtliche - aus Geseke, Dortmund, Bottrop sowie zehn aus Lage.
"Wir dachten zu wissen, was uns erwartet", erzählt Brandes. "Für derartige Großveranstaltungen sind wir vorbereitet, ausgebildet und geschult." Ein Arzt sei dabei gewesen, Rettungs- sowie Sanitätsdienstkräfte. Alle aus seinem Team waren bereits auf vergangenen Technoparaden im Einsatz. Kreislaufkollaps, Schürfwunden, Drogen, Alkoholvergiftung, zählt Brandes die üblichen Einsatzbereiche auf.
Doch am frühen Nachmittag des 24. Juli 2010 nahm der Routine-Einsatz ungeahnte Dimensionen an. "Ich bekam nur die Meldung: Ihr seid gleich dran", erinnert sich der 33-Jährige. Seine Einheit wurde direkt ins Einsatzgeschehen zur Unfallhilfsstelle des DRK, zirka 100 Meter vor dem Tunnel geschickt. Die Meldungen überschlugen sich, es wurde von bewusstlosen Personen gesprochen.
Nils Brandes Ehefrau Nadine blieb mit einem Kollegen im Versorgungszelt zurück, der Rest machte sich als Fußtrupp auf ins Nadelöhr der gestauten Menschenmenge. "Gleich am Eingang traf ich auf drei Schwerstverletzte", sagt Jana Gottschling. Die 22-jährige Rettungssanitäterin konnte einen von zweien selbst wieder beleben, für die dritte Person kam trotz intensivster Bemühungen jede Hilfe zu spät.
"Ich habe nicht nach rechts oder links geschaut, mich nur auf meine Patienten konzentriert. Leichtverletzte musste ich übergehen, obwohl deren Angehörige an mir zerrten und auf mich einredeten." Auch Nils Brandes spricht von dem Gefühl, nur noch funktioniert zu haben. Seine Frau hatte währenddessen von den Geschehnissen im Tunnel nur den Hauch einer Ahnung: "Plötzlich kamen immer mehr Menschen ins Zelt, ohne Schuhe, ohne Kleidung, von oben bis unten schwarz", beschreibt sie ihre Eindrücke. "Eine Frau schrie hysterisch: ich habe auf jemanden gelegen, der ist jetzt tot."
Die gleiche Frau traf später Sven Röttger, der für den Krankentransportwagen eingeteilt war. "Ich konnte ihr den Schock nicht nehmen, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, was passiert war." Diese pechschwarzen Körper, eine Kombination von Schweiß und Schmutz, werde er nie vergessen. Bis zu sechs Menschen haben schlimmstenfalls übereinander gelegen, von starkem Druckanstieg auf den Boden gepresst. Nach zwei Stunden gab Zugführer Brandes das Zeichen zur Ablösung, er und seine Leute waren über ihre Grenzen hinaus gegangen.
Sie haben schon viel erlebt im Rettungsdienst, erzählen die Malteser, doch der Anblick dieser vielen weißen Hügel im Tunnel, zugedeckte leblose Körper, sei ihnen wie in einem schlechten Film erschienen. Erst ist es ein Film, dann kurze Spots, später bleiben die Bilder, hat ihnen ein Seelsorger gesagt. Die Gespräche untereinander, die Begleitung von psychologischen Fachkräften, habe geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. "Man wird aufmerksamer, aber Angst vor neuen Einsätzen haben wir nicht. Wir denken und hoffen, das war eine einmalige Geschichte", sehen die Malteser zuversichtlich in die Zukunft.