Blomberg. Augen zu und durch: Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, dann sind Hannahs Ohren durchschossen. Zwei kleine Löchlein, rechts und links: Körperverletzung oder Körperverschönerung?
Hannah hat sich die Ohrringe schon ausgesucht. Pink sollen sie sein, mit einem kleinen funkelnden Stein. "Das passt ja zu Deiner Jacke", sagt Mutter Maren Brettmeier. Die Fünfjährige strahlt. Doch ihre Aufregung kann sie kaum verbergen. "Ich hab ihr schon gesagt, dass es auch ein bisschen wehtut", betont Maren Brettmeier. Das hat Hannah von ihrem Entschluss nicht abgehalten: Ja, sie will Ohrringe, nickt sie dem Juwelier Bernd Pastern zu.
Doch das Nicken ihm nicht: Zunächst muss die Mutter noch eine Einwilligungserklärung unterschreiben, mit der sie sich verpflichtet, die Wunden ordentlich zu pflegen, aber auch über die Risiken einer Infektion aufgeklärt wird: "Manche wollen das nicht unterschreiben, aber ohne machen wirs nicht", sagt Pastern. Schließlich handele es sich ja - streng genommen - um eine Körperverletzung, und das gehe nicht ohne Einwilligung eines Erziehungsberechtigten.
Ein Mindestalter zum Ohrlochstechen gibt es nicht, die Juweliere legen dies selbst fest. Bei "Krome & Pastern" in Blomberg liegt es bei drei Jahren: "Dann haben die Ohren schon ihre spätere Form ausgebildet, und die Kinder können selbst entscheiden", meint Pastern. Andere Kollegen stechen erst ab sechs Jahren, manche haben gar keine Altersbeschränkung.
Probleme mit Kunden wegen einer Infektion am Ohr oder mit dem zweiten Erziehungsberechtigten, der nicht mit dem Ohrloch einverstanden war, haben Krome und Pastern noch nie gehabt. Und dass die "Verstümmelung" durch Ohrlöcher mittlerweile auch mal in die Beschneidungsdebatte eingebracht wird, kann Pastern nicht verstehen: "Die Beschneidung ist ja im Gegensatz zum Ohrloch nicht rückgängig zu machen. Das sollten die Männer doch entscheiden, wenn sie volljährig sind", findet er.
Hannahs "kleine Körperverletzung" ist jedenfalls ohne größere Schmerzen über die Bühne gegangen - und schon längst wieder vergessen. Das Ohr wurde desinfiziert, die Löcher angezeichnet, dann griffen Bernd Pastern und sein Kollege Joachim Krome beide zur Pistole, um den Ohrring an beiden Seiten zeitgleich einzuschießen. "So tuts nur einmal weh", erklärt Pastern.
Hannah kneift die Augen zu - zack, schon passiert. Eine Träne will sich gerade aus dem Auge schleichen, da hält die Mama dem tapferen Töchterchen schon den Spiegel hin: "Oh, wie klasse, guck doch mal." Hannah schluckt - und strahlt schon wieder. Gleich wird sie im Kindergarten stolz ihren neuen Ohrschmuck zeigen. Von wegen, Körperverletzung. Für die Fünfjährige ist es eindeutig eine Verschönerung.
Die medizinische Sicht
Der richtige Zeitpunkt, Ohrlöcher zu schießen, ist nach Angaben des Detmolder Hals-Nasen-Ohren-Arztes Dr. Manfred Pilgramm schwer zu bestimmen. Das Kind sollte die Ohrringe auf jeden Fall selbst wollen. Wenn sich das Ohr wirklich entzündet, sollte immer ein HNO-Arzt aufgesucht werden, rät Pilgramm. Übrigens: Wird das Loch mittig geschossen, sind Akupunkturpunkte nicht betroffen.