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Lage

77-Jähriger aus Lage schreibt Brief an Wladimir Putin

Helmut Rathmann will nicht tatenlos zusehen

Lage. Rollende Panzer, zerstörte Städte, verzweifelte Menschen. Während der Krieg in der Ukraine immer mehr Opfer fordert, wächst in Europa die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts. Auch Helmut Rathmann aus Lage, der als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebte, lassen die Bilder aus den umkämpften Gebieten nicht los. Mit einem persönlichen Brief wendet er sich nun an den russischen Präsidenten. Seine Bitte: ein friedenstiftendes Engagement im Ukraine-Krieg.

Doch wohin schickt man einen Brief, den Wladimir Putin persönlich erhalten soll? Es gibt in Moskau eine Behörde, die sich solcher Bürgerbelange annimmt. Und vielleicht bleibt Helmut Rathmanns Brief dort nicht unbeachtet. Angesichts des internationalen Machtpokers um die Ukraine macht sich bei Rathmann ein Gefühl der Ohnmacht breit: „Man fühlt sich ausgesperrt. Man kann nur hoffen, dass diese Leute das Richtige tun.“

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Brief an die Kanzlerin


Ob politische Anregungen, Zuspruch oder Kritik - wer Einfluss nehmen möchte, kann auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel schreiben. Der einfachste Weg führt über ein Internetformular, das auf der Homepage www.bundeskanzlerin.de unter "Kontakt" aufrufbar ist. Alternativ können Bürgerinnen und Bürger einen Brief schreiben und an Angela Merkel im Bundeskanzleramt in der Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin, adressieren. Zudem gibt es das Infotelefon der Bundesregierung, (030) 18 272 2720, und sogar die Möglichkeit, Anfragen in Gebärdensprache per Video zu stellen.

Doch Rathmann hat wenig Vertrauen in die Politik. Er möchte nicht nur hoffen, er möchte selbst Einfluss nehmen. So wendet er sich mit eindringlichen Worten an den Präsidenten: „Bitte sprechen Sie ein Machtwort, und Sie werden als Friedensretter und russischer Held in die Geschichte eingehen.“

Wissenschaftlerin lobt Engagement

Die Mannheimer Wissenschaftlerin Constanze Beierlein von der Sektion Politische Psychologie des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen lobt dieses Engagement. „Das ist nicht nur für Herrn Rathmann eine gute Sache, sondern kann auch Einfluss auf andere haben“, betont sie. Auch wenn Partizipation in der internationalen Politik schwierig sei, sollte man sich nicht einem Gefühl der Ohnmacht hingeben, sondern so weit es geht Einfluss nehmen.

Als Zeitzeuge der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts empfindet Helmut Rathmann eine persönliche Verantwortung. Im Alter von sechs Jahren erfuhr er das Grauen des Zweiten Weltkrieges am eigenen Leib. 1944 wurde seine Heimatstadt in Schlesien Ziel eines alliierten Luftangriffs. Das Haus der Familie wurde knapp verfehlt, aber die angrenzende Straße brannte lichterloh. Am darauffolgenden Tag wurde der sechsjährige Helmut Rathmann Zeuge, wie verkohlte Leichen aus den zerstörten Häusern gezogen und auf der Straße aufgereiht wurden. Nach dem Angriff floh die Familie aufs Land und erlebte dort das Ende des Krieges und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit.

Die Menschen hätten wenig aus der Geschichte gelernt.

Heute ist Helmut Rathmann 77 Jahre alt und lebt in Lage. Die Kriegserlebnisse seiner Kindheit lassen ihn nicht los. Mit Schrecken stellt er fest, „wie wenig die Menschen aus der Geschichte gelernt haben“.

Der Ukraine-Krieg erreicht dabei für ihn eine neue Dimension. Angesichts der Spannungen zwischen Russland und dem westlichen Bündnis befürchtet er eine Ausweitung des Krieges. Deswegen gelte es den Konflikt beizulegen, „bevor alles den Bach runtergeht“. Der Einzige, der dazu in der Lage sei, ist ihm zufolge der russische Präsident. Dass Waldimir Putin seinen Brief wahrscheinlich nie lesen wird, ist Helmut Rathmann bewusst. Dennoch will er nicht tatenlos zusehen. „Ich möchte nicht, dass mir einmal jemand vorwirft: Warum habt ihr nichts gemacht?“

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