Lage. Worauf soll man sich einstellen, wenn man mit einem (knapp) 100-Jährigen verabredet ist? Die E-Mail kam aus einem Lagenser Fitnessstudio, das sich auf Reha-Sport spezialisiert hat. Hier gehe ein 99-Jähriger ein und aus, der konsequent zweimal die Woche trainiere. Am 24. Juli werde er 100. Ob das einen Bericht wert sei? Und ob. 100 Jahre - da entstehen Bilder im Kopf, da ploppen Schlagworte auf. Doch ein schwerhöriger, schwerfälliger, vielleicht vergesslicher Greis - alles Vorurteile, natürlich! - biegt in besagtem Fitnessstudio an der Rhienstraße nicht um die Ecke. Ganz und gar nicht. Zu sagen, Heinz Mühlmeister wirke jünger, grenzt an Untertreibung. „Wo ist der 100-Jährige?“, möchte man einen Moment lang fragen, doch klar - er ist es wirklich. Blauer Sportdress, bunt gestreiftes T-Shirt, offener, leicht verschmitzter Blick. „Das glauben wir nicht!“ Ob ihm das öfter passiere, dass Leute ihm sein Alter auf den ersten Blick nicht ansehen? Mühlmeister wägt seine Worte einen Moment lang ab. Auf keinen Fall möchte er selbstverliebt wirken. Dann gibt er doch die Reaktion zum Besten, die er oft erfährt: „Was, 100? Das glauben wir nicht!“ Mit Sport, sagt der Lagenser, habe er eigentlich erst angefangen, nachdem er in Rente ging. „Ich war noch gut drauf damals“, erinnert er sich. Sein Sport der Wahl wurde das Radfahren. „Siebzig, achtzig Kilometer an der Weser längs ...“ - das war sein Ding. Später habe er sich - E-Bikes gab es noch lange nicht - ein Fahrrad mit Benzinmotor angeschafft, um weiterhin lange Strecken bewältigen zu können. Aufgrund rheumatischer Beschwerden sei er auch regelmäßig zum Schwimmen in das Salzufler Solebad gefahren. Im Winter - „da lag im Sauerland noch richtig Schnee!“ - liebte Mühlmeister Skilanglauf. Auch nach Ramsau reiste er, um dort durch die Loipen zu gleiten. Zudem, und das Pensum wird langsam deutlich, wanderte er immer donnerstags mit dem Teutoburger-Wald-Verein. Golf-Start mit über 80 Und dann kam ja noch die Sache mit dem Golf. Mühlmeister erzählt, dass er bereits die 80 überschritten hatte, als ihm ein Termin zum „Schnuppergolfen“ auf Gut Ottenhausen in der LZ auffiel. „Da gehst du mal hin, du hast ja Zeit“, habe er sich gedacht. Nach der Stunde habe der Golflehrer gemeint: „Du bleibst doch wohl hier, oder? Du machst das doch ganz ordentlich“. Und so kam es. „Ich hab das mehr so als Frühsport gesehen“, erklärt Mühlmeister, der von da an montags, mittwochs und freitags seine Golfrunde spielte, meist gemeinsam mit einem anderen älteren Herrn, der wie er ohne Hetze an die Sache heranging. „Ich habe morgens immer erst mal in Ruhe auf einer Bank gefrühstückt und dabei die Rehe beobachtet“, erinnert sich Mühlmeister. Doch er gibt auch zu, dass ihn „das Feuer gepackt“ und er konsequent an seinem Handicap gearbeitete habe, das schließlich bei respektablen 35 lag. „Ein bisschen Ehrgeiz saß doch dahinter.“ Mit etwa 90 Jahren, als der Golfclub sich auflöste, endete diese Ära. „Die Lauferei wurde mir auch zu viel“, so Mühlmeister. Umdenken nach Bandscheibenvorfall Was glaubt er selbst: Was hat der Sport mit ihm gemacht? „Man ist ein anderer Mensch geblieben“, sagt Mühlmeister. Viele, meint der Vater eines Sohnes, guckten nach dem Ende des Berufslebens ja den ganzen Tag in die Glotze. Es sei kein Wunder, dass die körperlichen Fähigkeiten, wenn sie nicht genutzt und gefordert würden, nachließen. Er selbst habe einfach nie aufgehört, sich zu bewegen. An die positiven Effekte glaubt er fest, „und in der Verwandtschaft predige ich das auch“, sagt er. Doch die meisten, abgesehen von seinem Neffen, meinten, „sie sind dafür noch zu jung“. Was daran liegen mag, dass Mühlmeister selbst erst mit 96 mit den Besuchen im Fitnessstudio begann. Vorher hätte er das als „neumodischen Kram“ oder „Damelei“ betrachtet, gibt er zu. Doch nachdem ein schwerer Bandscheibenvorfall ihn im wahrsten Sinne zu Boden streckte und ein Arzt ihm Reha-Sport verordnete, begann das Umdenken. Statt sich einem Kurs anzuschließen, setzte Mühlmeister lieber auf individuelles Gerätetraining und fand bei Vita Fitness in Chef Philipp Zuckle und seinen Mitarbeitern die passende Unterstützung. „Seitdem“, so der gebürtige Rintelner, „habe ich nie wieder etwas mit der Bandscheibe gehabt.“ Er geht sogar noch weiter: „Ich bin überzeugt, ich wäre ohne das Training nicht mehr hier.“ Und schiebt mit einem Augenzwinkern nach: „Ohne Bayer Leverkusen und deren Tabletten allerdings auch nicht.“ Ein Ort zum Auftanken Immer zur selben Zeit trainiert er montags und freitags, ausnahmslos, „es sei denn, es geht deiner Frau nicht gut, richtig?“, fügt Mitarbeiter Werner Krüger hinzu. Mühlmeisters Frau liegt derzeit im Krankenhaus. Das ist auch der Grund, weshalb die große Geburtstagsfeier verschoben ist. Zuvor schon hat Mühlmeister, der in einem Komplex für altersgerechtes Wohnen lebt, viel Energie in die Unterstützung seiner Partnerin investiert. Im Fitnessstudio tanke er auf, denn die Atmosphäre sei herzlich, der Ton untereinander locker - „wir foppen uns immer“ -, und zur Begrüßung nähmen viele der Damen ihn in den Arm. „Das tut einem dann schon gut.“ Er sei ein lustiger Typ, „mir fällt immer Blödsinn ein“, sagt Mühlmeister, und Krüger bestätigt, dass der Jubilar „Leben in die Bude“ bringe. Er attestiert ihm eine positive Lebenseinstellung. Als der Kunde sich mit 96 Jahren als Mitglied einschrieb, habe er direkt den Zweijahresvertrag gebucht. „Ist ja auch billiger“, hält Mühlmeister grinsend fest. Von Berufswegen hatte er fast 40 Jahre lang mit Zahlen zu tun, arbeitete er doch als Steuerberater für die Landwirtschaftliche Buchführungs-Genossenschaft Lippe, wo er 1948 nach Kriegsdienst und Gefangenschaft einstieg und bis 1986 blieb. Musik im Blut Bis zum Alter von 98 Jahren sei er noch Auto gefahren, was er aus eigenem Antrieb einstellte. Er habe sich gefragt, „ob das nicht doch ein Risiko ist“. Stattdessen kaufte er sich ein Elektromobil, denn damit sei er mobil, könne einkaufen fahren und sogar eine Kiste Bier transportieren. Neben dem Sport widmet er sich der Musik, seiner lebenslangen Leidenschaft. Als junger Mann spielte er Saxofon, später Klarinette im renommierten Blasorchester der „Teutoburger Jäger“ aus Bielefeld-Lämershagen. „Wir traten auch in Brilon auf oder Meschede, so beliebt waren wir“, erinnert sich Mühlmeister. Er habe die Musik im Blut und spiele heute noch auf seiner Heimorgel, am liebsten aus dem Kopf. „Das ist mit geistiger Arbeit verbunden.“ Keine Angst vor dem Alter Hat das Älterwerden ihm auch einmal Angst gemacht? Er denkt nach. „Da ich immer fit war, bin ich gar nicht dazu gekommen. Da hat mich das Alter nicht so beschäftigt.“ Es habe 2018 allerdings eine Phase gegeben, da hätten er und seine Frau sich in dem „direkt vor der Tür“ und in der Nähe der Verwandtschaft neu gebauten Karolinenheim vorsorglich auf die Warteliste setzen lassen. Nun wird seine Frau den Platz wohl tatsächlich in Anspruch nehmen. Für diese weise Voraussicht ist er heute dankbar. Als es ums Foto für die Zeitung geht, überrascht Mühlmeister erneut. Er, der vermeintlich „nicht mehr gut zu Fuß“ ist, erhebt sich behände aus dem Sessel und wieselt in den Gerätebereich. „Nicht gut zu Fuß, das hast du wirklich gesagt?“, fragt Krüger ihn und schlägt ihm scherzhaft auf die Schulter. „Also dich“, erwidert der dem Jahrzehnte Jüngeren und lacht, „hänge ich schon noch ab.“