Ein Hauch von Nostalgie

Jürgen Fischer und Burkhard Reker suchen auf unterschiedliche Weise den Glanz vergangener Zeiten

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Alles ist zurzeit "Shabby chic". Was bedeutet das eigentlich? Etwas schäbig Schönes, etwas Altes oder auf alt Gemachtes? Mit einer Definition ist das gar nicht so einfach.

Lage. Der Begriff "Shabby chic" stammt aus England und bezeichnet Möbel oder Accessoires, die entweder alt oder auf alt getrimmt sind. Sie sollen nicht perfekt aussehen, sondern den Charme des Gebrauchten verströmen. Daher stellen Flohmärkte ideale Fundgruben dar.

Jürgen Fischer, Antikhändler aus Lage, kennt sich aus mit Dachbodenfunden und Omas Rumpelkammer und ist auf den Trödelmarkten der Region unterwegs. Immer auf der Suche nach besonderen Schätzen, Liebhaberteilchen oder Sammlerstücken.

"Der kultigste Markt hier in der Nähe findet jeden Samstag an der Bielefelder Universität statt", verrät der 46-Jährige. "Die ersten Jäger und Sammler trudeln bereits morgens um halb fünf ein, dann geht es schon rund, die ersten Schnapper werden gemacht. Von Antiquitäten spricht man eigentlich erst ab einem Alter von über 100 Jahren. Aber jeder Stil, jede Epoche hat edle Stücke hervorgebracht."

Fischer kauft und verkauft. Alles, was Geld bringt. Hauptsächlich über das Internet. "Ein riesiger Markt. Dort wird alles vermarktet, tauchen die kuriosesten Sachen auf", erklärt der gelernte Fleischer die Faszination. Verkaufbaren Trödel von Müll zu unterscheiden, dazu brauche man Erfahrung. Man müsse sich vieles selbst aneignen, lerne täglich dazu. Den Antiquitäten-Möbelmarkt beschreibt Fischer als tot. "Früher haben die Kunden gezielt nach Kommoden oder Tischen gefragt, das ist vorbei." Aufgrund der Wirtschaftslage wechseln jedoch über private Kleinanzeigen viele Einrichtungsgegenstände den Besitzer. Wer etwas handwerkliches Geschick hat, kann alte Möbel abbeizen und selbst wieder auf Vordermann bringen. Genau das ist das Hobby von Burkhard Reker. "Ich bin shabby chic", behauptet er augenzwinkernd von sich selbst. Für den 36-Jährigen ist der individuelle und unverwechselbare Einrichtungsstil zum Lebensmotto geworden. "Es fing an mit einer alten Milchkanne von ,Villeroy und Boch', die musste ich unbedingt haben", erinnert sich der Lagenser. Wenig später rettete er eine Musikbox aus dem Garten eines Freundes, bastelte solange daran herum, bis er das gute Stück wieder zum Laufen bekam. "Das Teil ist eigentlich echt hässlich, hat überall Macken, aber es steckt mein Herzblut drin." Reker legt wert auf Originale, bevorzugt aus den 1970er Jahren. Oranges Campinggeschirr, grüne Cocktailsessel oder die roten Kinosessel, die er vor Jahren aus dem Lagenser Kino gerettet hat, sind sein ganzer Stolz. Jedes Teil hat eine Geschichte, einen ideellen Wert. Als Jäger und Sammler sucht er Kultobjekte in Trödelläden und auf Flohmärkten. "Das ist jedes Mal ein kleiner Adrenalinkick", beschreibt er das spannende Gefühl, vorher nie zu wissen, mit was man letztlich nach Hause geht. Unter 1000 schäbigen Sachen ein chices Teil zu finden, das sei der Reiz. "Vielleicht eröffne ich irgendwann ein Shabby-Chic-Café", träumt Burkhard Reker, der in seinem Bekanntenkreis schon alle mit dem Trödel-Virus angesteckt hat.

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