Villa mit Geschichte weicht Neubau

Wohnhaus eines Lemgoer Zigarrenfabrikanten gefiel auch den britischen Besatzern

Till Brand

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Diesen Anblick wird es bald nicht mehr geben: Hermann Hentschel von "Alt Lemgo" steht vor dem ehemaligen YMCA-Gebäude an der heutigen Bismarckstraße, früher "Detmolder Chaussee". Die ehemalige Fabrikantenvilla wird abgerissen. - © Brand
Diesen Anblick wird es bald nicht mehr geben: Hermann Hentschel von "Alt Lemgo" steht vor dem ehemaligen YMCA-Gebäude an der heutigen Bismarckstraße, früher "Detmolder Chaussee". Die ehemalige Fabrikantenvilla wird abgerissen. (© Brand)

Lemgo. Eine wechselvolle Historie hat die Villa an der Bismarckstraße 32 hinter sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten Briten das repräsentative Gebäude und machten es zum "Wesley-Haus". Jetzt soll der markante Komplex abgerissen werden.

Schräg gegenüber dem Neubau des Kommunalen Rechenzentrums verspricht ein großes Baustellenschild als Neubau das, was man heute Stadtvilla nennt. Bald sollen wieder Menschen dort wohnen. Der Anbau des Altbaus ist schon zerlegt - die Holzlatten lehnen an der Hauswand. Das Schicksal des einst prächtigen Gebäudes ist besiegelt - für Hobby-Historiker Hermann Hentschel vom Verein "Alt Lemgo" ein Moment, inne zu halten.

Der Lemgoer hat recherchiert und Erinnerungen aus seiner Kindheit mit Fakten untermauert. Ergebnis: Die Villa an der Bismarckstraße 32 hat nicht viele Besitzer gesehen, aber diese haben dem Haus ihren Stempel aufgedrückt. Interessant ist allein die Entstehungsgeschichte, durfte doch erst ab 1867 vor den Toren der Altstadt auf der so genannten Feldflur gebaut werden. "Das rührte aus dem Mittelalter her. Doch der Druck auf die überfüllte Stadt wurde zu groß", weiß Hermann Hentschel.

Damit brachen alle Dämme - besonders östlich des Ostertores, in den damaligen Gärten, wurden mehrere Villen gebaut. Die Nummer 32 erst später, genauer 1921. Vermutlich hatte der Erste Weltkrieg einen Strich durch früher gehegte Pläne gemacht. Erbauer war Kommerzienrat Fritz Schmidt. Einen solchen Titel durfte damals tragen, wer sich als Mäzen hervorgetan hatte.  Schmidt hatte sein Vermögen als Inhaber der 1830 gegründeten Tabakfabrik Th. Schmidt & Co. gemacht. Diese lag in Sichtweite der Villa und beherbergt heute eine Grundschule.

Für damalige Verhältnisse ließ sich Schmidt mit 230 Quadratmetern Wohnfläche ein repräsentatives Anwesen bauen - mit Herrenzimmer im Erdgeschoss. "Das passte zum Umfeld. Die frühere Bismarckstraße war eine Prachtstraße. Der Name lautete seinerzeit ,Detmolder Chaussee?", berichtet Hentschel. Kein Wunder, dass das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg zu den 58 Gebäuden gehörte, die von den Besatzern in Lemgo beschlagnahmt wurden - meist für Offiziere und deren Familien. Im Haus des Kommerzienrats Schmidt brachten die Briten, die die zunächst einrückenden Amerikaner abgelöst hatten, jedoch keinen Leutnant unter. Es wurde auserkoren, um im Obergeschoss einem Pastor Privaträume zu verschaffen und Parterre ein so genanntes "Wesley-Haus" (siehe Infokasten) zu beherbergen. Diese gehörten zum YMCA, dem britischen CVJM. "Heute würde man das ,Wesley-Haus? als eine Art Begegnungscafé beschreiben", sagt Hentschel. Der Hobby-Historiker kann sich noch gut erinnern: "Die Briten hegten Argwohn gegenüber den Deutschen, fürchteten, dass ihr Trinkwasser vergiftet werde." Da wundere es nicht, dass die Briten - auch angesichts von Sprachbarrieren - in der Freizeit am Liebsten unter sich blieben. Im YMCA-Haus gab es Kuchen und Tee sowie Fremdenzimmer für Pfadfinder. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Nur eines gab es nach Erkenntnissen von Hentschel sicher nicht: Alkohol.

1963 bekam Familie Schmidt das Haus zurück. Sechs Jahre später folgte eine größere Umgestaltung. Damals verlor die Villa viele typische filigrane Fassaden-Elemente und ihre Rundbögen. So steht sie heute nicht unter Denkmalschutz.

Erweckungsprediger gibt den Namen

Benannt wurde das ehemalige "Wesley-Haus" an der Bismarckstraße nach dem methodistischen Erweckungsprediger John Wesley. Backwaren für das dort nach Krieg residierende YMCA, die britische Antwort auf den CVJM, lieferte Bäcker Deppe aus der Breiten Straße, dessen Bezugskontingent an Zutaten gelockert wurde. "Die britischen Kinder, die dort hingingen, hatten immer kurze Hosen an. Auch im Winter", erinnert sich Hermann Hentschel von "Alt Lemgo", damals selbst ein Steppke. "Echte Kälte kannten die von der Insel nicht."

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