Lemgo. Immer wieder liegen Bier-, Sekt- oder Schnapsflaschen in den Straßengräben Lemgos. Die LZ hat mehrfach darüber berichtet. Nicht immer geht es dabei nur um illegale Müllentsorgung, mitunter steckt eine Krankheit dahinter: Alkoholismus. In der alten Hansestadt gibt es mehrere Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen. Eines davon ist die Suchtgefährdetenhilfe Lemgo, die seit mehr als 50 Jahren als Verein besteht. Seit drei Jahren ist Ralf Schäfers Vorsitzender des Freundeskreises für Suchtkrankenhilfe. Eingetreten ist der heute 53-Jährige aber schon 2009 - nachdem es ihm so richtig schlecht ging, wie er sagt. Das Problem: Der Körper gewöhnt sich an den Konsum von Alkohol. Er braucht immer mehr davon, damit der gewünschte Effekt eintritt. Das nennt sich Toleranzsteigerung. Schäfers sagt: „Junge Menschen werden häufig in den Sportvereinen schon an den Alkohol herangeführt.“ Es sei völlig normal, dass in der Umkleide eine Kiste Bier steht. Die werde nach dem Spiel geleert. „So wurde ich schon früh daran geführt“, erklärt er. Mit zunehmendem Alter sei der Alkoholkonsum für ihn immer normaler geworden, bis hin zur Abhängigkeit. Immer häufiger habe sich der Alltag nur noch um die Beschaffung von alkoholischen Getränken, ebenso um die Entsorgung des Altglases, gedreht. „Viele Menschen isolieren sich von ihrem Umfeld und gelangen somit immer tiefer in die Abhängigkeit“, schildert Schäfers. Nach einem Unfall, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde, habe er etwas verändern wollen und entschloss sich, sich in einer Fachklinik helfen zu lassen. Im Jahr 2009 schloss er sich der Suchtgefährdetenhilfe an. „Die Gruppe hat mir sehr gutgetan“, sagt Schäfers. Themenabende Einmal in der Woche gibt es ein Treffen, meistens werde es unter ein Thema gestellt. Mal gehe es beispielsweise um versteckten Alkohol in Lebensmitteln, der ein Trigger für das eigene Suchtgedächtnis sein kann, mal gehe es um Rückfall-Prophylaxe oder um andere Krankheiten, die durch den Konsum verstärkt werden. Die Gruppenbegleiter werden dafür vom Landesverband der Freundeskreise NRW professionell ausgebildet. Manchmal werde aber auch einfach nur miteinander gesprochen, wenn jemanden etwas unter den Nägeln brenne. Der Austausch der Erfahrungen stehe im Fokus. Die Gruppe sei bunt gemischt. Es seien Männer und Frauen dabei, Betroffene und Angehörige aus allen gesellschaftlichen Schichten aus Lemgo und Umgebung. 42 Mitglieder zählt der Freundeskreis, zehn bis 17 kämen regelmäßig zu den Gruppenabenden. „Konstanz ist wichtig. Wer schon lange und regelmäßig kommt, ist weniger rückfallgefährdet“, meint Schäfers. Oberste Priorität habe Verschwiegenheit: „Was dort erzählt wird, bleibt unter uns.“ „Ich habe mich schwergetan, mit Gefühlen umzugehen“ Auch einem 34-jährigen Lemgoer, der anonym bleiben möchte, haben die Gespräche geholfen, wie er sagt. Wir nennen ihn Johann. „Ich schäme mich nicht für meine Krankheit, aber ich möchte nicht jedem davon erzählen“, betont er. Ralf Schäfers kann das gut nachvollziehen: „Alkoholismus ist heutzutage immer noch stigmatisiert und die einzige Droge, für die man sich gelegentlich entschuldigen muss, wenn man sie nicht konsumiert - auch wenn es mittlerweile eher akzeptiert wird.“ Johann sei 2022 zur Suchtgefährdetenhilfe Lemgo gekommen, seine Mutter habe ihn dazu gedrängt - nach „bewegten Jahren“, wie er sie nennt. Schon im Alter von zehn Jahren habe er mit psychischen Problemen zu tun gehabt. „Ich habe mich schwergetan, mit Gefühlen umzugehen. Mit 16 habe ich angefangen, Gras zu rauchen, um meine Gefühle zu unterdrücken“, erinnert sich der Lemgoer. Das habe zu Depressionen geführt. Außerdem trank er Alkohol, um sich gut zu fühlen, erzählt er. „Ich war dann extrovertierter, hatte keine Ängste und dachte, es geht mir gut mit einem gewissen Grundpegel.“ Doch der wurde immer höher. „Ich war perspektivlos und nur noch am Feiern. Dadurch wurde es extrem“, blickt der 34-Jährige zurück. Ein Unfall bringt die Wende Auch bei ihm war ein Verkehrsunfall der Weckruf. Das war 2021. Er verlor seinen Führerschein, weil er unter Alkoholeinfluss stand. Dadurch verlor er seinen Job und seine Beziehung ging in die Brüche. Wegen der Arbeitslosigkeit habe er schon früh morgens angefangen, Alkohol zu trinken. „Aber dann hat meine Mutter mich zu meinem Glück gezwungen“, sagt Johann und meint damit den Freundeskreis. Wobei Eigenmotivation wichtig ist, betont Schäfers. Ohne funktioniere es nicht. „Es braucht Einsicht“, sagt auch Johann. Ohne Therapie habe er es nach drei Wochen geschafft, abstinent zu bleiben. „Die Gruppe hat mir geholfen, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie Gefühle und Alkoholkonsum zusammenhängen“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob ich es ohne sie geschafft hätte.“ Denn die ersten Wochen seien die schwierigsten wegen der Entzugserscheinungen.“ Es gebe genug Menschen, die daran zugrunde gehen, sagt Schäfers. Die Zugspitze erklimmen Er vergleicht es mit der Zugspitze, die gleich zu Beginn erklommen werden müsse. Darum sei ein kalter Entzug auch so gefährlich. Der 53-Jährige rät daher zu einem Gespräch mit einem Arzt. Oft werde eine qualifizierte Entgiftung über elf bis 20 Tage im Krankenhaus veranlasst. Danach raten die Mediziner zu einem Besuch solcher Selbsthilfegruppen wie dem Freundeskreis Lemgo. Das helfe, das über Jahre gewohnte Verhalten zu ändern - auch, wenn es dauert. „Ich komme jede Woche. Ich nehme neue Eindrücke mit und kann mir den Frust von der Seele reden. Mir hilft es, daran erinnert zu werden, wie viel Kraft es mich gekostet hat, vom Alkohol loszukommen. Das festigt die Abstinenz“, schildert Johann. Außerdem könne er durch das Zuhören aus den Erfahrungen der anderen schöpfen. So gehe es auch Schäfers. Der darum bereit war, Verantwortung zu übernehmen als Vorsitzender. „Ich möchte der Gruppe etwas zurückgeben und das erfüllt mich auch“, sagt der 53-Jährige. Ihm gehe es darum, Wege aufzuzeigen, die Sucht zu überwinden und zu einem zufriedenen Leben ohne Alkohol zu gelangen. Neben den Gruppenabenden gebe es daher auch gemeinsame Ausflüge oder Restaurantbesuche. „Wir wollen dabei darstellen, wie Freizeit ohne Alkohol funktionieren kann“, erklärt Schäfers. Für den Fall, dass jemand in eine Situation kommt, in der er sonst getrunken hätte, gebe es außerdem eine Telefonliste. Das Gespräch mit anderen kann helfen und ablenken. Aber nur zwei bis drei Prozent der Abhängigen würden es im ersten Versuch schaffen. „Ich selbst habe fast zehn Jahre für den Absprung gebraucht“, sagt Johann. Auch Angehörige können kommen Doch nicht nur für die Betroffenen selbst ist die Krankheit eine Herausforderung, auch für die Angehörigen, die psychisch darunter leiden können. „Ich glaube, dass sich viele Angehörige hilflos fühlen“, sagt der 34-Jährige traurig. Auch sie können die Suchtgefährdetenhilfe besuchen. Oft käme dann das Thema Schuld zur Sprache. „Doch es geht nicht darum, wer schuld hat. Niemand hat Schuld. Alkoholismus ist eine Krankheit und darüber wollen wir sprechen“, betont Ralf Schäfers. Die Treffen finden jeden Mittwoch von 19.30 bis 21 Uhr im Gemeindehaus St. Marien, Stiftstraße 56, in Lemgo statt. Eine vorherige Anmeldung ist nicht notwendig. Ralf Schäfers ist per E-Mail an rs@freundeskreis-lemgo.de oder unter Mobil 0172/6758441 zu erreichen. Weitere Infos im Internet auf www.freundeskreis-lemgo.de