Lemgo. „Beweg dich, dann bewegt sich etwas“, sagt Elisabeth Burgdorf. Nicht verharren, auch in schlimmen Zeiten, sondern versuchen weiterzugehen, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Einmal im Monat schnürt Elisabeth Burgdorf die Wanderschuhe, um sich mit Trauernden auf den Weg zu machen und Menschen nach schweren Verlusten dabei zu helfen, neuen Lebensmut zu finden. „Wer denkt, wir sind dann weinend unterwegs, der liegt grundfalsch“, erzählt Waltraud Gomm. Gemeinsam mit Elisabeth Burgdorf zählt sie zu den Ehrenamtlern des Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdiensts Lippe, die auch in Lemgo gemeinsam die Natur erkunden. Ob in Lüerdissen, in Lieme oder Brake – rund 20 Menschen machen sich durchschnittlich auf die fünf bis acht Kilometer langen Strecken, um gemeinsam zu wandern, zu reden oder einfach die Natur zu genießen. Für manche ein erster Schritt, um nach dem Verlust eines geliebten Menschen die Kontakte nach außen zu knüpfen, um wieder ein Stück am Leben teilzunehmen. Einfach gehen und vielleicht auch reden Und das geht bei der Trauerwanderung ganz einfach, wie Waltraud Gomm erzählt. Keine Anmeldung ist nötig, man trifft sich jeweils am zweiten Sonntag des Monats an unterschiedlichen Orten, und dann geht es ab 14 Uhr durch die Landschaft, meist verbunden mit einem gemeinsamen Kaffeetrinken in einem Ausflugslokal. „Die Trauernden wissen, da sind Menschen, die haben Ähnliches erlebt“, erklärt Waltraud Gomm. Menschen, die die Trauer nachvollziehen können und daher vielleicht auch weiterhelfen oder einfach nur gut zuhören können. „Alles ist in Bewegung. Wenn es nicht passt, gehe ich einfach alleine oder neben jemand anderem weiter“, erzählt die Trauerbegleiterin. Das sei einfach und unkompliziert, anders als vielleicht im Trauercafé, wo die Menschen an Tischen sitzen und es schwieriger wird, den Platz zu wechseln, wenn es mit den Tischpartnern vielleicht doch nicht so gut klappt. Seit gut zehn Jahren gibt es die Trauerwanderungen des Hospizdiensts Lippe. In Detmold, Bad Salzuflen oder Lemgo werden die Touren angeboten, und die Nachfrage ist von Beginn an groß, wie die beiden ausgebildeten Trauerbegleiterinnen erzählen. 20 bis 30 Menschen seien regelmäßig dabei, viele kämen über Monate. Neue Freundschaften entstehen „Da entwickeln sich Freundschaften und Beziehungen“, haben die beiden Ehrenamtlerinnen beobachtet. Oft organisieren sich die Betroffenen nach einiger Zeit in eigenen Gruppen zum Spaziergang oder zum Frühstücken. „Jeder hat da seinen eigenen Weg“, hat Elisabeth Burgdorf beobachtet, keiner müsse die Gruppe nach einer bestimmten Zeit verlassen. „Die Trauernden wissen am besten selbst, wann es soweit ist.“ Mindestens zwei Trauerbegleiterinnen sind pro Wanderung dabei. Sie stellen sich am Anfang vor, bieten sich als Gesprächspartner an, doch oft werde ihr Angebot gar nicht genutzt. „Die Teilnehmer kommen selbst ins Gespräch, und dabei geht es gar nicht immer um den Verlust, sondern auch um ganz banale Dinge“, erzählt Waltraud Gomm. Locker sei die Runde, man duze sich, „die Nachnamen von den meisten kenne ich gar nicht“; und manchmal seien die Teilnehmer auch so ins Gespräch vertieft, dass die Begleiterinnen eingreifen. „Dann sagen wir schon mal: Guckt doch einmal auf die schöne Aussicht“, muss Waltraud Gomm angesichts der Kommunikationsfreude mancher Teilnehmer schmunzeln. Viele wagen eigene Initiative Mit dabei sind Frauen und Männer im Alter von 40 bis über 80 Jahren, mehr Frauen als Männer. Die meisten haben ihren Partner verloren. Bei einigen liegt der Verlust erst einige Wochen zurück, andere kommen erst nach zwei Jahren. „Da muss jeder für sich den richtigen Zeitpunkt finden.“ Manchmal bieten die Begleiterinnen auch Einzelgespräche an oder verweisen auf andere Gruppen. Doch meistens werden die Wandernden ganz im Sinne der Bewegung selbst aktiv. „Manche kommen dann auch zum Trauercafé, andere nehmen an den Wander-Wochenenden oder anderen Veranstaltungen des Hospizdienstes teil“, erzählt Waltraud Gomm. Viele aber finden über die Gruppe auch den Elan, eigene Initiativen zu starten. Die nächste Wanderung findet am Sonntag, 11. Januar, in Detmold statt. Weitere Infos gibt es unter www.hospiz-lippe.de.