Leopoldshöhe. Björn Süfke kennt sich aus mit der männlichen Seele. Der Leopoldshöher hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Er möchte Männern helfen, ihre Gefühlswelt und damit sich selbst besser zu verstehen.
Die LZ sprach mit dem Psychologen, der sich auf Männertherapie und -beratung spezialisiert hat.
Warum finden Männer schwerer Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen als Frauen?
Björn Süfke: Zum einen vermittelt die Gesellschaft Bilder und Vorstellungen von Männlichkeit, die sehr gefühlsfern sind. Zweitens werden Emotionen bei Jungen nicht in dem Maß gespiegelt wie bei Mädchen. Eltern reagieren bei Jungen zwar auch auf die positiven Gefühle wie Zuneigung oder Freude, aber nicht auf die negativen wie Ärger, Trauer oder Angst. Diese werden eher ignoriert, verneint oder gar sanktioniert. Drittens fehlen männliche Rollenvorbilder.
Was sind die Folgen?
Süfke: Werden die negativen Gefühle bei Jungen verneint, kann dies dazu führen, dass sie nicht in die Persönlichkeit integriert, sondern abgewertet und als bedrohlich für die eigene Identität eingestuft werden. Dem Mann fällt es später schwer, sie wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen.
AutorBjörn Süfke hat Psychologie studiert, und hat sich auf Beratung von Männern spezialisiert. Er ist in der Bielefelder Beratungsstelle "Man-oh-mann" tätig. Der dreifache Vater wohnt mit seiner Familie in Leopoldshöhe. Er hat Fachbeiträge und -bücher wie "Männerseelen" geschrieben bzw. als Co-Autor daran mitgewirkt. Auch das Buch "Die Ritter des Möhrenbreis", Geschichten von Vater und Sohn, stammt aus seiner Feder.
Warum sind die männlichen Rollenvorbilder so wichtig?
Süfke: Schauen Sie sich in Kindergärten, Grundschulen oder auf Spielplätzen um. Männer sind die Ausnahme. Den Jungen fehlt das geschlechtseigene Vorbild zur Identifikation. So können sie nicht lernen, wie ganz normale Männer eigentlich sind, mit Stärken und Schwächen, vor allem aber mit Gefühlen. Sie verinnerlichen stattdessen, wie sie nicht sein dürfen - wie ihre Mutter, wie Frauen - und grenzen sich von dem ab, was sie für weiblich halten. Schwache Gefühle wie Angst oder das Bedürfnis nach Trost werden abgespalten, weil sie als unmännlich gelten. Würden mehr Männer/Väter in die frühkindliche Erziehung einbezogen, wäre dies eine fundamentale Verbesserung.
Aber die Zahl der männlichen Erzieher in den Kindertagesstätten ist doch gestiegen?
Sülke (lacht): Ja, in zwei Jahren sogar um 20 Prozent. Vorher gab es zwei Prozent Männer, jetzt sind es 2,5.
Es gibt andere positive Entwicklungen wie die Einführung der Elternzeit. . .
Süfke: . . .die ich sehr begrüße. Seit das Elterngeld gezahlt wird, steigt die Zahl der Männer an, die sich für eine Zeit aus dem Berufsleben ausklinken, um sich um die Betreuung zu kümmern. Allerdings nehmen 70 Prozent der Väter nur eine zweimonatige Auszeit.
Woran liegt das?
Süfke: Weil sie häufig noch belächelt, als Weicheier abgestempelt oder sogar von Arbeitgebern unter Druck gesetzt werden nach dem Motto: Sie können Ihre Elternzeit nehmen, aber mit der Karriere ist es dann vorbei.
Was auch einen Mann zum Weinen bringen könnte, oder?
Süfke: In der Tat. Aber noch heute gilt: Männer, die leiden, sprechen nicht darüber. Das wird den Kindern vorgelebt.
Und wenn der Leidensdruck zu groß wird?
Süfke: Die Selbstmordrate liegt bei Männern dreimal höher als bei Frauen, trotzdem ist nur ein Drittel der Klienten in Psychotherapien Männer. Frauen holen sich durchschnittlich neun Monate nach dem ersten Symptom fachliche Hilfe, Männer warten damit zirka 75 Monate.
Was müsste sich tun, um Männern zu helfen?
Süfke: Wir brauchen viel mehr Bildungsangebote, Beratungsstellen und Gruppen für Männer. Vor allem müssen sie, wie ich sagte, viel mehr in die frühkindliche Erziehung eingebunden werden.
Und was können Frauen tun?
Süfke: Ich wünsche mir, dass sie ein bisschen mehr Verständnis und Mitgefühl für die Männer aufbringen - was diese auch für sich selbst tun sollten. Probleme mit männlichem Fehlverhalten sollten nicht ignoriert, aber auch nicht vorwurfsvoll angesprochen werden, sondern im Rahmen einer liebevollen Konfrontation. Dabei sollte es gelingen, dem anderen seine Wertschätzung zu zeigen und mit Humor an die Sache heranzugehen.