Schlangen. „Ich hatte Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, psychische Probleme. Ich wollte aus meinem eigenen Körper entfliehen. Habe nur noch von Tag zu Tag gelebt. Überlegt, wie ich wieder bei ihr sein kann. Ich hatte sogar schon einen Plan." Maira Storks Mutter nahm sich im April 2015 im Badezimmer das Leben. Die 27-Jährige sehnte sich danach so sehr nach ihr, dass sie bereit war, alles zu opfern, um wieder bei ihr sein zu können. Beinahe auch ihr Leben.
Die Nachricht über den Suizid ihrer Mutter traf Stork damals wie ein Schlag. „Nein, nein, nein. Das darf nicht wahr sein", will sie den Selbstmord lange nicht wahrhaben. Ihre Mutter hatte Depressionen, war in klinischer Behandlung. Ihren Selbstmord konnte keiner ahnen. „Ich bin schuld", wirft sich Stork dennoch immer wieder vor. Fällt in ein tiefes Loch.
Stork versuchte zunächst, die Trauer mithilfe ihres Studiums zu bewältigen. Die Schlängerin studiert Medienproduktion an der Hochschule OWL. Den Tod ihrer Mutter verarbeitete sie durch Kurz- und Animationsfilme. „Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr glücklich sein darf", erklärt die Studentin. „Mein Umfeld ging ansonsten davon aus, das ich gar nicht mehr um meine Mutter trauere", beschreibt Stork. „Ich dachte, dass ich nie wieder glücklich werde." Neue Hoffnung fand sie bei Lydia Willemsen, Lebens- und Trauerbegleiterin des Caritasverbandes Paderborn. Ihr Credo: „Man darf während eines Trauerprozesses auch glücklich sein", erklärt Stork.
Ein normales Leben danach ist möglich
Man sollte es sogar. Zudem mit anderen Betroffenen sprechen. „Das hilft." Außenstehende könnten nicht genug Verständnis aufbringen. Woher auch? „Andere Hinterbliebene haben die gleiche Situation durchgemacht, fühlen das Gleiche." Durch die Gespräche in der Selbsthilfegruppe fasste sie neues Selbstbewusstsein. Fühlte sich wieder ein Stück mehr in der Mitte der Gesellschaft.
Stork erinnert sich gerne an ihre Mutter zurück, zumal die beiden eine enge Beziehung hatten. „Sie war ein lustiger und lebenbejahender Mensch", sagt die 27-Jährige. „Sie hatte viele Freunde, war unternehmungslustig." 2012 erkrankte sie dann, bis sie die Depressionen in den Tod führten. „Ich hätte mir keine bessere Mutter wünschen können."
Willemsen ermutigte die Studentin im Jahr 2016, ihre Erfahrungen in einem Buch aufzuschreiben, und baute einen Kontakt zum Bonifatius-Verlag auf. Stork nutzte die Chance, um ihre Trauer zu reflektieren und aufzuarbeiten. Ihre Botschaft an andere Hinterbliebene: „Ein Weiterleben nach solchen Geschehnissen ist möglich." Auch wenn es in den Anfängen eines Trauerprozesses anders erscheine.
Laut Stork habe Trauer auch etwas Gutes. Seit dem Suizid habe sich in ihrem Leben einiges verändert. Vor allem die Lebenseinstellung der 27-Jährigen. „Ich versuche, glücklicher zu leben und achte auf meine Psyche", sagt die Schlängerin. „In den Selbsthilfegruppen wurde davon gesprochen, dass Trauer auch etwas Positives haben kann. Ich dachte, das wäre Quatsch. Aber es stimmt." Stork ist mental um einiges stärker, als sie noch vor dem Vorfall war.
Das gelte auch für Hinterbliebene, die mit Selbstmord-Gedanken spielen, um bei ihren Angehörigen sein zu können. Genau wie Maira Stork. Heute ist sie froh, dass sie ihren Plan nicht in die Tat umgesetzt hat. „Man muss sich vor Augen halten, was man seiner Familie damit antut und was man im Leben verpasst." Auch wenn das Loch, in dem der Betroffene sitze, noch so tief sei.
Mittlerweile kann die 27-Jährige wieder lachen. „Ich habe meine Trauer überwunden", sagt sie.
Lesung in Paderborn
Maira Storks Buch „Seitdem ist alles anders – Wegweiser nach dem Suizid eines Angehörigen" ist ein Ratgeber für Hinterbliebene und deren Umfeld, die ähnliche Situationen wie die 27-Jährige durchlebt haben. Die Erfahrungen auf ihrem Leidensweg möchte sie an andere Betroffene weitergeben. Das Buch beinhaltet Tipps und Übungen, mit denen Betroffene ihren eigenen Trauerprozess reflektieren und bewältigen können. Stork liest aus ihrem Werk am 27. November in Siegen, am 6. Mai in Erfurt, 23. Mai in Paderborn und 4. Juni in Düren vor. Ihr Buch ist ab sofort erhältlich.Hilfe in seelischer Not
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