Auschwitz Komitee: Hanning soll sein Schweigen brechen

Silke Buhrmester

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Im Prozess Nebenkläger (von links): Justin Sonder und Leon Schwarzbaum mit Christoph Heubner, Geschäftsführender Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK). - © Bernhard Preuß
Im Prozess Nebenkläger (von links): Justin Sonder und Leon Schwarzbaum mit Christoph Heubner, Geschäftsführender Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK). (© Bernhard Preuß)

Detmold. Elf Prozesstage lang hat Reinhold Hanning, der als SS-Wachmann in Auschwitz Beihilfe zum Massenmord geleistet haben soll, geschwiegen. Für diesen Freitag, 29. April, haben seine Verteidiger eine Erklärung angekündigt. Die Nebenkläger, Überlebende des Holocaust oder deren Angehörige, haben im Vorfeld dazu Stellung genommen. Hier die emotionale Stellungnahme des geschäftsführenden Vizepräsidenten des Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, im Wortlaut:

Am 29. April wollen seine Anwälte die Geheimnisse des SS-Angeklagten Hanning lüften. Für diesen Tag haben sie eine Erklärung des Angeklagten angekündigt. Seit dem 11. Februar dieses Jahres steht der ehemalige SS-Mann in Detmold wegen Mittäterschaft in Auschwitz vor Gericht. Zusammengesunken im Rollstuhl ist er während der Prozesstage erstaunlich flink den fragenden Blicken der Auschwitz-Überlebenden ausgewichen, die ihn persönlich ansprachen und ihn
-auch angesichts der letzten Lebensfrist, die ihm gegeben ist- baten,
sich zu erklären.

Immer da jedoch, wo der junge agile SS-Mann in ihm gestreichelt wurde, wenn Interna aus dem Lagerleben oder dem SS- Alltag vor Gericht präsentiert wurden,richtete er sich im Rollstuhl auf, blitzen seine Augen in seine jungen Jahre hinein: Die Wiedersehensfreude und die Kameraderie waren deutlich zu spüren: Meine Ehre heißt Treue, so lautete der Wahlspruch der Waffen SS, so hat sich Reinhold Hanning bisher verhalten.

Zu keinem Zeitpunkt des Prozesses ist er ausgeschert aus den schmählichen Zonen des Schweigens, die für Nachkriegsdeutschland so typisch und immer mit dem Hochmut der Täter verbunden waren.
Was wird uns Herr Hanning jetzt mitteilen, mitteilen lassen? Oder sollte
uns die Ehre zuteil werden, ihm persönlich zuhören zu dürfen? Wird er
sich entschuldigen? Geschenkt! Erklären soll er sich! Erklären soll er
den jungen Menschen von heute, wie und mit welchen Motiven er bei der SS gelandet ist, was ihn durchfahren hat, als er verstand, - denn auch, wenn er jung war, er war ja kein dummer Junge - was in Auschwitz vor sich ging und was um aller Himmels willen ihn daran gehindert hat, sich an die Front zu melden, weg von dem Ort, an dem er die Kinder sah, die von seinesgleichen schon bei der Geburt zum Tode verurteilt waren.

Er soll sich erklären: Längst haben die Überlebenden, die in Detmold als Zeugen ausgesagt, an ihn appelliert und ihn beobachtet haben, ihre Erwartungen an ihn aufgegeben. Sie -die Überlebenden- haben bei vielen Gelegenheiten gesprochen, berichtet, versucht das Unaussprechliche von Auschwitz in Worte zu fassen. Erst durch sie und durch das von ihnen angebotene Gespräch bekam Deutschland nach Auschwitz überhaupt erst wieder eine Chance in die Welt der Völker zurückzufinden.

Reinhold Hanning wird mit großer Gewissheit einer der letzten Auschwitz-Täter sein, der jemals in einem deutschen Gerichtssaal zur Verantwortung gezogen wird. Von seinen Worten, von seiner Aussage wird es abhängen, ob das bleischwere und hohnvolle Schweigen, das die SS in ihrer perfiden Kameraderie über Deutschland gelegt hat, durchbrochen wird und Licht am Ende des Tunnels erscheint.

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