Der Mann, der die NS-Verbrecher jagt

Der Düsseldorfer LKA-Beamte Stefan Willms hat die Ermittlungen gegen den ehemaligen 
SS-Wachmann Reinhold Hanning aus Lage geführt

Silke Buhrmester

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Spürt Zeitzeugen auf: LKA-Ermittler Stefan Willms - © Landeskriminalamt
Spürt Zeitzeugen auf: LKA-Ermittler Stefan Willms (© Landeskriminalamt)

Düsseldorf/Detmold. Seine Arbeit ist wie ein riesiges Puzzle, das nie fertig wird. Denn manche Teile bleiben für immer verschwunden, wenn alte Unterlagen fehlen oder Zeugen sterben. Die Taten, die Stefan Willms (57) aufzuklären versucht, liegen mehr als 70 Jahre zurück. Der erste Kriminalhauptkommissar des Landeskriminalamts (LKA) in Düsseldorf spürt mit seinem Team der „Ermittlungsgruppe nationalsozialistische Gewaltverbrechen" Nazi-Verbrecher auf. Ein Wettlauf mit der Zeit, weil viele Täter und Zeugen bereits 90 Jahre oder älter sind.

So wie Reinhold Hanning aus Lage. Die Ermittlungen gegen den derzeit in Detmold wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen angeklagten ehemaligen SS-Wachmann in Auschwitz haben Willms und sein Team ebenfalls geführt.

Doch wie ermittelt man wegen der Beteiligung am Massenmord in einem Vernichtungslager? Oder wegen der Teilnahme an dem Massaker im französischen Oradour-sur-Glane, wo deutsche Soldaten fast alle Dorfbewohner zusammentrieben, erschossen oder bei lebendigem Leibe verbrannten?

Das Büro Stefan Willms liegt in einem der oberen Stockwerke des LKA-Gebäudes. An der Wand hängen Fotos seiner Familie und von Klettertouren neben einer Urkunde des New-York-Marathons aus dem Jahr 1992. Auf seinem Schreibtisch liegen Bücher und DVDs über Oradour-sur-Glane und Zeitungsausschnitte über den Detmolder Auschwitz-Prozess. „Trotzdem beschäftige ich mich nicht nur mit dem Thema Nazi-Verbrechen", sagt der Ermittler und lacht.

Dennoch ist Willms immer im Dienst. „Da bekomme ich zum Beispiel eine Zeugenaussage in der TV-Dokumentation ,Unsere Mütter, unsere Väter’ mit und denke, dass das Mord gewesen sein könnte. Der Vermutung muss ich dann natürlich nachgehen." Die in NRW für NS-Verbrechen zuständige Staatsanwaltschaft in Dortmund prüft dann zunächst, ob es sich um Mord handeln könnte, bevor Willms’ Team überhaupt aktiv wird. Denn Mord verjährt nicht. Egal wie lange die Taten zurückliegen, egal, wie alt die Täter sind.

Hinweise bekommt die Polizei überwiegend von der Zentralstelle für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, aber auch aus Büchern und von Historikern, die im Rahmen von Forschungen oder bei der Auswertung von Archiven auf Spuren stoßen. Im Fall Reinhold Hanning tauchte beispielsweise eine Kleiderkarte aus Auschwitz auf, die den ersten Hinweis auf eine Wachtätigkeit im Vernichtungslager Auschwitz gab.

Die Ermittlungsarbeiten betreiben Willms und sein Team mit Akribie. Bis zu zehn Polizisten arbeiten an einem Fall, werten Hunderte alter Vernehmungen aus, tragen die Daten in Tabellen ein und vergleichen sie, um Parallelen zu den aktuellen Fällen zu ziehen. Sie graben sich in Archive in London oder Berlin ein, um historische Dokumente aufzuspüren.

Doch trotz Hausdurchsuchungen, Telefonabhörungen und Vernehmungen: Was die Beschuldigten wirklich von den Taten gewusst haben, und ob es am Ende Mord oder Totschlag war, ist nur schwer zu beweisen, moniert Willms. Zudem sind nur die wenigsten Täter geständig.

Nur ein einziges Mal, sagt Willms, habe er es erlebt, dass ein Verdächtiger alles zugegeben habe. Denn ein Geständnis bedeutet nicht nur, am Lebensende mit sich selbst ins Reine zu kommen.Wenn die Nazivergangenheit ans Licht kommt, sind die bis dato oft ahnungslosen Familienangehörigen schockiert. „Die meisten Täter geben zu, dass sie einer Einheit angehört haben, wollen dann aber nur Fahrzeugwache oder Koch gewesen sein." Willms kann sich einen ironischen Unterton nicht verkneifen: „Wie viele Köche es doch gegeben haben muss."

Während Täter schweigen oder sich ihre eigene Wahrheit zusammenbauen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, leiden die Opfer, jene wenigen Zeitzeugen, die es noch gibt, bis heute. Für sie ist es eine Befreiung, wenn Willms und sein Team sie aufspüren, ihre Aussagen in die Ermittlungsakten aufnehmen. „Im Gegensatz zu den Tätern sind es oft die Opfer, die sich schuldig fühlen. Weil sie überlebt haben, aber ihren Angehörigen nicht helfen konnten", sagt Willms.
Egal ob Italien, Frankreich, Ukraine oder, im Fall Hanning, Auschwitz.

Willms reist durch ganz Europa, um vor Ort zu ermitteln. Dabei, so sagt er, ergeben sich immer wieder neue Ermittlungsergebnisse. Die Polizisten können zum Beispiel nachvollziehen, ob man von einem Wachturm in Auschwitz die Massenerschießungen an der schwarzen Wand beobachten konnte. Oder wie die deutschen Soldaten die Gebäude, in denen die Menschen in Oradour-sur-Glane ermordet wurden, umstellt haben müssen.

Zudem lernen sie bei Ortsterminen auch Zeitzeugen kennen. Anfangs seien viele von ihnen skeptisch, wenn sie hören, dass Deutsche kommen. Doch wenn sie sehen, dass die deutschen Polizisten wirklich ermitteln, folgt schnell das Vertrauen. Überlebende laden Willms dann zum Kaffee ein und erzählen, oft unter Tränen, von ihren schlimmen Erlebnissen: „Sie sind froh, dass ihre Geschichte in einer deutschen Ermittlungsakte für immer erhalten bleibt."

In Oradour-sur-Glane begegnete Willms einer Frau, die das Massaker als Kind überlebt hatte: „Sie war so glücklich, sie drückte und küsste mich und sagte, jetzt könne sie endlich einen Schlussstrich ziehen", erinnert sich Willms.

Auch wenn es bei der Arbeit des LKA primär um die Strafverfolgung gehe, geben derartige Reaktionen der Opfer Willms immer wieder einen Motivationsschub, weiterzumachen – so lange, bis sich das Thema NS-Verbrechen aus biologischen Gründen wirklich erledigt hat. Das könnte noch bis 2022/24 dauern, schätzt Willms. Dann geht er selbst in Pension: „Aber bis dahin müssen die Täter damit rechnen, dass ich irgendwann vor ihrer Tür stehe und sage: ,Mein Name ist Willms, wir haben etwas zu besprechen.’"

Alles zum Detmolder Auschwitz-Prozess gibt's hier

Information

Ermittlungsgruppe NS-Gewaltverbrechen

  • Die Ermittlungsgruppe nationalsozialistische Gewaltverbrechen ist bundesweit die einzige Dienststelle, die sich ausschließlich mit Verbrechen aus dem Dritten Reich beschäftigt.
  • Seit Einrichtung der Dienststelle im Mai 2005 leitet Stefan Willms das Team und hat bis heute 84 Verfahren bearbeitet.
  • Die Gruppe umfasst je nach Arbeitsumfang zwischen sieben und zehn Beamte. In elf Verfahren wurde Anklage erhoben.
  • In zwei Verfahren wurden die Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt: 2009 der ehemalige Wehrmachtsoffizier Josef Scheungraber wegen Mordes an zehn Zivilisten; 2010 der ehemalige SS-Mann Heinrich Boere wegen dreifachen Mordes an Zivilisten.
  • Im Fall Reinhold Hanning wurden allein 800 alte Vernehmungen von ehemaligen SS-Männern oder Überlebenden ausgewertet.

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