Staatsanwalt fordert sechs Jahre Haft

Detmolder Landgericht wies vorab den Befangenheitsantrag aus den Reihen der Nebenkläger ab

Silke Buhrmester

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Dem 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann Hanning wird Beihilfe zum Mord inmindestens 170.000 Fällen vorgeworfen. - © Bernhard Preuß
Dem 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann Hanning wird Beihilfe zum Mord inmindestens 170.000 Fällen vorgeworfen. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Eine sechsjährige Haftstrafe hat Oberstaatsanwalt Andreas Brendel am Freitag, 20. Mai, zum Abschluss des 15. Verhandlungstages für den Angeklagten Reinhold Hanning gefordert. Der 94-jährige Lagenser steht seit Februar vor dem Detmolder Landgericht, weil er während seiner Zeit als SS-Wachmann im KZ Auschwitz 100.000-fache Beihilfe zum Mord geleistet haben soll.

Reinhold Hanning hatte zugegeben, Dienst in Auschwitz getan zu haben. Die Ermittler des Landeskriminalamtes hatten nachgewiesen, dass er 1942 erst der 5. und wenig später der 3. Kompanie des Totenkopfsturmbanns angehörte.

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Brendel machte in seinem Plädoyer deutlich, dass er fest davon überzeugt sei, dass Hanning sowohl Wachdienste im Stammlager Auschwitz I übernommen, als auch Arbeitskommandos begleitet habe. Zudem sei davon auszugehen, dass er im Rahmen von Bereitschaftsdiensten auch im Vernichtungslager Birkenau tätig gewesen sei, möglichweise auch ankommende Deportierte bewacht habe. "Auch wenn der Angeklagte nicht bei jedem Dienst dabei war, so hat er aber doch der 3. Kompanie angehört", sagte Brendel, der seine Anklageschrift nach der 15-tägigen Hauptverhandlung in vollem Umfang bestätigt sah.

Zwar hielt der Oberstaatsanwalt dem Angeklagten zugute, dass er sich zu dem Tatvorwurf geäußert hatte: "Aber er hat auch versucht, seine Taten abzumildern", so Brendel. Er glaube dem Angeklagten nicht, dass dieser unter größten Risiken den Brief eines Häftlings nach Bielefeld geschmuggelt habe oder dass er einer Frau außerhalb des Lagers Birkenau zur Flucht verholfen habe. "Wir erleben es oft, dass Kriegsereignisse beschönigt werden", sagte Brendel, der in Dortmund die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrecher aus NRW leitet.

Für Beihilfe zum Mord sieht der Gesetzgeber ein Strafmaß zwischen 3 und 15 Jahren vor. Bei der strafrechtlichen Bewertung habe er sowohl die Einlassung des Angeklagten als auch die Tatsache, dass die Taten lange zurück liegen und Hanning keine Vorstrafen habe, einfließen lassen. Allerdings müsse auch gesehen werden, dass der Angeklagte während seiner Zeit in Auschwitz zweimal befördert worden sei. Zudem habe sich Hanning noch kurz vor Kriegsende zu weiteren zwölf Jahren im Dienste der SS verpflichtet: "Eine Distanzierung von den Ideen der Nationalsozialisten sieht anders aus."

Zu Beginn der Verhandlung hatte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda erklärt, dass der Befangenheitsantrag gegen sie und ihre beiden Richter-Kolleginnen von einer anderen Kammer als unbegründet abgelehnt worden war.

Nebenkläger-Vertreter Christoph Rückel hatte die Prüfung der Befangenheit in der vergangenen Woche beantragt, nachdem das Gericht es abgelehnt hatte, mit Joshua Kaufman einen weiteren Zeitzeugen zu hören. Kaufman sollte zu dem Zustand der Leichen in den Gaskammern aussagen, hatte Rechtsanwalt Markus Goldbach beantragt. Am Freitag beantragte Goldbach, das Gericht möge seine negative Entscheidung noch einmal überprüfen - doch es blieb dabei: Kaufman wird nicht mehr als Zeuge aussagen. Und auch der Antrag Goldbachs, den Sachverständigen Prof. Dr. Thomas Daldrup, der am 13. Prozesstag zur Wirkweise von Zyklon B ausgesagt hatte, abzuberufen und einen neuen Sachverständigen zu bestellen, scheiterte.

Goldbach warf Daldrup „mangelnden Sachverstand" vor. Während seiner Aussage am 29. April hatte der Sachverständige gesagt, dass Menschen, die mit Zyklon B vergast wurden, „eher aussehen, als würden sie schlafen, keine bläuliche Verfärbung der Haut aufweisen" und auch mögliche Todeskrämpfe post mortum nicht sichtbar seien. Zudem hatte Daldrup zugegeben, sich mit den Umständen in Auschwitz nicht näher befasst zu haben.

Rechtsanwalt Goldbach, der die Nebenklägerin Eva Kor vertritt, betonte, Joshua Kaufman habe einen ganz anderen Eindruck von den Leichen in Auschwitz gehabt. Der Jude mit ungarischen Wurzeln war nach seiner Deportation nach Auschwitz mindestens einmal gezwungen worden, die Menschen aus der Gaskammer ins Krematorium zu transportieren. Laut Goldbach könnte Kaufman belegen, dass die Ermordeten zum Teil aus Nase und Körper bluteten, in ihren Gesichtern der Todeskampf zu sehen war und sie so ineinander verkeilt waren, dass ihnen die Knochen gebrochen werden mussten, um sie voneinander zu lösen.

Auch in Daldrups Gutachten war die Rede von „erheblichen Qualen". Der Todeskampf habe zwischen 20 und 30 Minuten dauern können. Wer näher an den Säulen stand, in die das Gift geworfen wurde, starb schneller, ebenso wie kleine Menschen. Denn das Gas ist etwas leichter als Luft und stieg nach dem Einwurf langsam nach oben. Eltern sahen so vor ihrem eigenen Tod ihre Kinder sterben.

Der Prozess wird am 27. Mai fortgesetzt. Dann folgen die Plädoyers der Nebenkläger-Vertreter.

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