Hanning fand seine Familie in Auschwitz

Silke Buhrmester

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Reinhold Hanning - © Bernhard Preuß
Reinhold Hanning (© Bernhard Preuß)

Detmold. Der in Detmold wegen hunderttausendfacher Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Auschwitz angeklagte Reinhold Hanning (94) hätte auch wegen Mittäterschaft verurteilt werden können. Davon ist Prof. Dr. Cornelius Nestler überzeugt. Nestler vertritt mehrere Nebenkläger im Verfahren gegen den 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann aus Lage. Am Freitag hielt er im Anschluss an seinen Kollegen Thomas Walther sein Plädoyer.

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Nestler zeigte sich davon überzeugt, dass Hanning eben nicht nur ein ganz kleines Licht in der Tötungsmaschinerie gewesen sei. „Er wollte Karriere machen." Deshalb habe er sich für den Unterscharführerlehrgang beworben. Ein Engagement, das Hanning zwar in seiner Erklärung vom 29. April klein geredet hatte, aber Nestler glaubt: " Die Strafkammer wird das bei ihrer Urteilsfindung berücksichtigen."

Zuvor hatte der Nebenkläger-Anwalt das Versagen der deutschen Behörden kritisiert. Die NS-Prozesse kämen viel zu spät. Andreas Brendel von der Dortmunder Schwerpunktstaatsanwaltschaft zur Aufklärung von NS-Verbrechen zollte er jedoch Lob, weil dieser die tödlichen Lebensumstände - vor allem das systematische Verhungern der Häftlinge - im KZ Auschwitz in seine Anklage mit einbezogen habe. Eine bis dato einmalige Anklage in der Geschichte der deutschen Justiz.

Ebenso wie Anwalt Thomas Walther, Vertreter von 26 Nebenklägern im Detmolder Auschwitzprozess, stellte Nestler keinen konkreten Strafantrag.

In seinem 17 Seiten umfassenden Plädoyer machte Walther jedoch deutlich, dass er die Aussagen des 94-Jährigen zu seiner Zeit bei der SS und im Konzentrationslager Auschwitz, die er während des 13. Prozesstages gemacht habe, nicht glaube: „Das passt alles nicht." Er ermunterte Hanning, sein „letztes Wort", das jedem Angeklagten nach Abschluss aller Plädoyers zusteht, zu nutzen, um reinen Tisch zu machen.

Walther erinnerte daran, dass Hanning in seiner von seinem Verteidiger Johannes Salmen verlesenen Erklärung seine Stiefmutter als treibende Kraft für seine freiwillige Bewerbung bei der SS im Jahre 1940 genannt hatte. Was seine Funktion in Auschwitz angehe, habe er sich eher als „unbeteiligter Zuschauer" gesehen, obwohl er zwei Jahre als Unterführer diente. Die Reue Hannings, die Oberstaatsanwalt Andreas Brendel am 20. Mai strafmildernd in seinem Antrag auf eine sechsjährige Freiheitsstrafe bewertet hatte, hält Walther für eine Farce.

Der Rechtsanwalt schilderte auch die "zwei Gesichter" des Angeklagten während der mehrmonatigen Hauptverhandlung: Wenn die Zeitzeugen aussagten, habe er nur nach unten geblickt und keinen Blickkontakt aufgenommen. Das sei für die Holocaust-Überlebenden eine erneute Missachtung gewesen. Als aber der Ermittler des Landeskriminalamtes, Stefan Willms, zur Karriere Hannings aussagte, sei er hochinteressiert gewesen und habe die an die Wand projezierten Dokumente mit wachem Blick gefolgt.

Am Beispiel des Holocaust-Überlebenden und Zeugen Max Eisen, der am 18. Februar vor dem Detmolder Landgericht ausgesagt hatte, schilderte Walther die krassen Gegensätze der Schicksale von Hannings und Eisens Familien: Während Eisens Mutter und die drei kleineren Geschwister nach ihrer Deportation aus Ungarn am 18. Mai 1944 direkt von der Rampe in die Gaskammern geschickt worden waren, sei Hanning wohl zeitgleich „über beide Ohren verliebt" gewesen in eine junge Polin, die 20 Kilometer entfernt von Auschwitz lebte und die er schwängerte. „Sie haben Ihre Familie in Auschwitz gefunden, meine Mandanten haben ihre Familien in Auschwitz verloren", betonte Walther.

Der Prozess wird am Donnerstag, 9. Juni, um 10 Uhr in den Räumen der IHK in Detmold fortgesetzt. Dann werden weitere Plädoyers von Nebenkläger-Vertretern erwartet.

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