17. Tag: Nebenkläger-Anwalt spricht von "Prozessverschleppung"

Silke Buhrmester

  • 1
Onur Özata sprach von Prozessverschleppung - © Buhrmester
Onur Özata sprach von Prozessverschleppung (© Buhrmester)

Detmold. Die für Freitag, 17. Juni, geplante Urteilsverkündung im Detmolder Auschwitz-Prozess muss möglicherweise noch einmal verschoben werden. Am 17. Prozesstag haben - entgegen der ursprünglichen Planung - nur zwei Nebenkläger-Vertreter ihr Plädoyer gehalten. Nach Auskunft von Gerichtssprecherin Anneli Neumann sind  jedoch noch 15 weitere Plädoyers angekündigt.

Hinzu kommen die beiden Plädoyers der beiden Verteidiger Johannes Salmen und Andreas Scharmer, die einen Prozesstag füllen werden und für Samstag, 11. Juni, vorgesehen waren. Denn, wie berichtet, ist der 94-jährige Angeklagte Reinhold Hanning auf Grund seiner gesundheitlichen Verfassung nur zwei Stunden verhandlungsfähig. Dass das umfangreiche Programm in den beiden verbleibenden Tagen am 10. und 11. Juni abgehandelt werden kann, ist daher unwahrscheinlich. Möglich ist aber auch, dass in der kommenden Woche noch ein weiterer Prozesstag eingeschoben wird.

Verteidiger Johannes Salmen ist "echt sauer", wie er dem Gericht mitteilt. Onur U. Özata, einer der Anwälte der Nebenkläger, spricht gegenüber der LZ von "Prozessverschleppung". Die beiden Anwälte ärgern sich über zwei Kollegen, Markus Goldbach und Manuel Reiger, Anwälte von Nebenklägern, die am Donnerstag, 9. Juni, erneut Beweisanträge gestellt und damit den Prozess gegen den Lagenser Reinhold Hanning erheblich verzögert haben.

Video auf YouTube

Empfohlener redaktioneller Inhalt


Wir bieten an dieser Stelle weitere externe Informationen zu dem Artikel an. Mit einem Klick können Sie sich diese anzeigen lassen und auch wieder ausblenden.

Externe Inhalte

Wenn Sie sich externe Inhalte anzeigen lassen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Weitere Hinweise dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Der ehemalige SS-Wachmann Hanning steht wegen Beihilfe zum Mord im KZ Auschwitz in mindestens 170.000 Fällen seit dem 11. Februar vor dem Detmolder Landgericht.

Renommierter Historiker erscheint vor Gericht

Der Prozesstag in den Räumen der Industrie- und Handelskammer beginnt mit einer Überraschung: Rechtsanwalt Markus Goldbach, der die Nebenklägerin Eva Kor vertritt, präsentiert einen Sachverständigen aus Israel. Es ist nicht irgendein Sachverständiger, sondern der renommierte Historiker Gideon Greif, der bis 2009 im Yad Vashem Holocaust Museum in Jerusalem arbeitete und als ausgewiesener Experte für die Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz gilt. Die Sonderkommandos bestanden aus mehreren 100 Häftlingen, die die in den Gaskammern ermordeten Juden entkleiden, ihnen die Haare abschneiden, die Goldzähne herausbrechen und sie anschließend verbrennen mussten.

Der Vertreter der Nebenklage, Markus Goldbach im Verhandlungssaal in Detmold. - © dpa
Der Vertreter der Nebenklage, Markus Goldbach im Verhandlungssaal in Detmold. (© dpa)

Goldbach beantragt, dass Greif vor Gericht aussagen soll - ob als Sachverständiger oder Zeuge, bleibt unklar. Der Historiker könne bezeugen, dass Reinhold Hanning in seiner Einlassung die Unwahrheit gesagt habe. Es stimme nicht, dass es für die Häftlinge unmöglich gewesen sei zu fliehen: "700 haben versucht zu flüchten, rund 300 haben es geschafft." Und es stimme auch nicht, dass die SS-Männer keinen Zugang zu den Häftlingsblocks gehabt hätten und die Grausamkeiten dort nur von den Funktionshäftlingen (Kapos) und den Blockführern begangen wurden. Ferner könne Greif auch bezeugen, dass die SS-Männer sehr wohl wussten, wann Transporte in Auschwitz ankamen und woher sie kamen. All diese Aussagen aus der Erklärung Reinhold Hannings vom 29. April seien mit den Forschungsergebnissen Greifs nicht überein zu bringen, erklärt Goldbach.

Gericht lehnt Antrag ab

Goldbachs Antrag stößt auf wenig Gegenliebe. Nach Auffassung seines Kollegen Thomas Walther, der insgesamt 26 Nebenkläger vertritt, und des Oberstaatsanwalts Ralf Vetter ist er zurückzuweisen: "Die Fakten, die Greif uns aufzeigen kann, unterliegen der Allgemeingültigkeit. Um sie zu belegen, genügt eine einfache Internetrecherche", begründet Walther seine ablehnende Haltung. Das sieht auch Verteidiger Johannes Salmen so: "Mein Mandant hat seine persönlichen Erinnerungen geschildert, keine Forschungsergebnisse", so Salmen. Und Andreas Scharmer, zweiter Verteidiger von Hanning, geht sogar noch einen Schritt weiter. Nachdem Gideon Greif nun die umfangreiche Antragsbegründung Goldbachs im Saal mitverfolgt habe, sei er "verbrannt".

Das Gericht lehnt den Antrag ab, die Vorsitzende Richterin Anke Grudda entschuldigt sich bei dem Historiker: "Es tut mir leid, dass sie vergeblich angereist sind - und vermutlich unter falschen Voraussetzungen." Doch Goldbach lässt nicht locker, will, dass das Gericht die Entscheidung erneut überprüft. Er formuliert dazu eine " Gegenvorstellung". Das Gericht zieht sich bis kurz nach elf Uhr zur Beratung zurück, um die ablehnende Entscheidung erneut zu bestätigen.

Telefonanrufe von Hanning sollen gehört werden

Dann führt ein weiterer Beweisantrag des Nebenkläger-Anwalts Manuel Reiger zu einer weiteren Verzögerung: Im Auftrag seines Kollegen Andreas Schulz, der an diesem Tag nicht am Prozess teilnimmt, beantragt Reiger, drei Anrufe aus der Telefonüberwachung des Landeskriminalamtes im Gerichtssaal vorzuspielen. Mit zwei Bekannten soll Hanning Ende 2013 und Anfang 2014 telefoniert haben. Dabei sei es zum einen um den Russlandfeldzug gegangen. In dem Gespräch sei geäußert worden, dass man "stolz darauf ist, von Adolf als hart wie Kruppstahl bezeichnet worden zu sein". In einem anderen Telefonat habe Hannings Gesprächspartner geäußert: "Wir sind zum Töten erzogen worden." Daraufhin habe Hanning verbessert "Wir sind zum Morden erzogen worden." Reiger begründet seinen Antrag damit, dass die Telefonate Hannings ideologische Gesinnung bis zum heutigen Tage zeigen würden.

"Das ist doch kein zulässiger Beweisantrag. Ich beantrage, ihn abzulehnen", ärgert sich Oberstaatsanwalt Vetter. Auch die Nebenkläger-Anwälte Thomas Walther und Onur U. Özata stimmen zu. Verteidiger Johannes Salmen wird noch deutlicher: "Die Telefonate beziehen sich nicht auf die Zeit in Auschwitz. Mit diesen unqualifizierten Anträgen wird das Verfahren nur verzögert", schimpft er, bevor sich das Gericht erneut zur Beratung zurückzieht. Auch dieser Antrag wird abgelehnt. Doch es ist bereits 11.40 Uhr, als Goldbach als Erster an diesem Tag endlich mit seinem Plädoyer beginnt.

Für ihn sei der Prozess gegen den 94-Jährigen kein normales Strafverfahren, sagt er: „Hier geht es darum, dass so etwas nicht noch mal passieren darf." Der Angeklagte sei nicht nur Beihelfer gewesen, er habe von den Ermordungen und Folterungen gewusst und sei deshalb Mittäter: "Auschwitz steht für den Versuch, alle Juden in Europa zu ermorden. Daran hat Reinhold Hanning mitgearbeitet." Zum Ende seines Plädoyers zeigt er einen Schwarz-Weiß-Stummfilm, den die sowjetische Armee bei der Befreiung von Auschwitz gedreht hatte. Zehn Minuten lang herrscht Stille im Gerichtssaal, als die schwarz-weiß Bilder auf der Leinwand wechseln: Bilder von halbverbrannten Leichen, schreckliche Szenen von toten Kleinkindern, die seziert werden, von abgemagerten, traumatisierten Häftlingen mit Geschwüren am Körper, von Kindern in gestreiften KZ-Kleidungen, die ihre eintätowierten Häftlingsnummern in die Kamera halten, und von einer Gruppe Kinder, die am Todeszaun vorbeimarschiert, begleitet von Krankenschwestern und Soldaten.

Links zum Thema

Ein kleines Mädchen, das ihre Zwillingsschwester an der Hand hält, ist mit einem roten Kreis markiert: Eva Kor, Mandantin von Goldbach, die als Zwillingskind in Auschwitz vom KZ-Arzt Mengele für Experimente missbraucht wurde. Reinhold Hanning schaut sich aus seinem Rollstuhl die Filmaufnahmen interessiert an, zeigte aber keine Gefühlsregung.

Alte Wunden bei NS-Überlebenden wieder aufgerissen

Günther Feld, der die kurz vor Prozessbeginn verstorbenen Nebenklägerin Malvina Rosenwasser aus Israel und Leslie Kleinmann aus Großbritannien vertritt, übt in seinem Plädoyer Kritik an der Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen und am Frankfurter Auschwitz-Prozess Mitte der 60er Jahre, als von allen Seiten für die Strafverfolgung der Nachweis der eigenhändigen Ermordung gefordert wurde.

Feld betont, dass bei der industriellen Ermordung auch Dinge um das Mordgeschehen perfekt organisiert werden mussten. Er macht deutlich, dass während des Detmolder Prozesses bei den Nebenklägern alte Wunden wieder aufgerissen wurden und neue Alpträume entstanden sind: „Bedauern gegenüber dem Angeklagten ist nicht verwerflich, aber man muss auch auf die Opfer blicken."

Der Prozess wird am Freitag, 10. Juni, mit Plädoyers von weiteren Anwälten der Nebenkläger um 10 Uhr in den Räumen der Industrie- und Handelskammer Detmold fortgesetzt.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare