Nebenkläger üben Kritik am "guten Mann von Auschwitz"

Urteil ist für kommenden Freitag, 17. Juni, angedacht

Silke Buhrmester

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Die Anwälte der Nebenkläger Ernst von Münchhausen und Onur U. Özata (links) - © Silke Buhrmester
Die Anwälte der Nebenkläger Ernst von Münchhausen und Onur U. Özata (links) (© Silke Buhrmester)

Detmold. Zehn Anwälte von Nebenklägern im Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning haben am Freitag, 10. Juni, ihre Plädoyers gehalten. Einhelliger Tenor am 18. Prozesstag war, dass der Angeklagte, der wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen im Konzentrationslager Auschwitz seit Mitte Februar vor Gericht steht, endlich Details aus seiner Zeit im Vernichtungslager nennen solle. Noch habe er die Chance, in seinem Schlusswort reinen Tisch zu machen.

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Die überwiegende Mehrheit der Juristen hielt Hannings Erklärung vom 29. April für nicht glaubwürdig. "Der Angeklagte hat sich hier als der "gute Mensch von Auschwitz" dargestellt", sagte Rechtsanwalt Ernst von Münchhausen. „Waren Sie stolz auf Ihre Taten?", wandte er sich direkt an den Angeklagten, der die Worte, den Blick nach vorne gerichtet, offenbar aufmerksam verfolgte. Hanning habe Auschwitz zwar als Albtraum bezeichnet, in seiner Einlassung spiegele sich dieser Albtraum aber nicht wider, kritisierte von Münchhausen.

Onur U. Özata wählte ebenfalls die direkte Ansprache. „Sie schweigen in der Hoffnung, zu vergessen. Wir, die nachfolgende Generation, dürfen aber nicht vergessen." Hanning spreche "die Sprache der Sprachlosigkeit", obwohl er 16 Monate, 507 Tage, in Auschwitz gewesen sei, während dort täglich im Durchschnitt 800 Menschen ermordet wurden.

Christoph Rückel kritisierte nochmals das Verhalten des Gerichts, den Zeitzeugen Joshua Kaufmann nicht zu hören. „Ein zu viel vernommener Zeuge ist kein Fehler", sagte der Rechtsanwalt aus München. Nach Rückels Ansicht hat Reinhold Hanning Beihilfe zum Mord geleistet. „Zudem hat der Angeklagte keine echte Reue gezeigt", sagte Rückel.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hält Donat Ebert die Angaben Hannings für authentisch. Sie seien zwar lückenhaft, zumindest habe er mit seiner Aussage aber eine Grundlage für eine Verurteilung geschaffen. „Ob man ihm die Reue abnehmen kann, weiß ich nicht, ich tendiere aber dazu", sagte Ebert.

Anmerkung der Redaktion: Die Plädoyers der Rechtsanwälte Dr Donat Ebert und Onur U. Özata haben wir für Sie als pdf-Datei unterhalb dieses Artikels angehängt.

Der Prozess wird am Samstag, 11. Juni, um 10 Uhr in der IHK Detmold fortgesetzt. Dann folgen Plädoyers weiterer Nebenkläger und der beiden Verteidiger. Möglicherweise wird Hanning danach noch ein Schlusswort sprechen.

Die ursprünglich für Freitag, 17. Juni, avisierte Urteilsverkündung im Landgericht Detmold (14 Uhr, Paulinenstraße) scheint nach aktuellem Stand doch eingehalten werden zu können.

Zum Herunterladen
  1. Plädoyer von Rechtsanwalt Dr. Donat Ebert zum Nachlesen
  2. Plädoyer von Rechtsanwalt Ernst Frhr. v. Münchhausen zum Nachlesen
  3. Plädoyer von Rechtsanwalt Onur U. Özata

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