Blogger Aras Bacho aus Bad Salzuflen: „Mein Ziel? Merkel interviewen“

Mit seinen Beiträgen erlangte der 18-Jährige deutschlandweit Aufmerksamkeit

Nadine Uphoff

Bad Salzufler Blogger: Aras Bacho schreibt über seine Erfahrungen und seine Forderungen an Politiker und „Wutbürger". - © Nadine Uphoff
Bad Salzufler Blogger: Aras Bacho schreibt über seine Erfahrungen und seine Forderungen an Politiker und „Wutbürger". (© Nadine Uphoff)

Bad Salzuflen. Die Suche nach einem Treffpunkt mit Aras Bacho ist gar nicht so einfach. Einen richtigen Lieblingsort in der Salzestadt hat der Syrer bislang nicht, obwohl er schon seit 2010 hier lebt. Viel Zeit habe er nicht mitgebracht, das merkt er schließlich im Café gleich an.

Der 18-Jährige spricht gutes Deutsch. Jüngst hatte er eine „Spiegel"-Redakteurin getroffen, davor war er eine Woche lang bei den bild.de in Berlin. Heute muss er noch Interviewtermine mit Politikern abstimmen. Die Ferien nutzt der Schüler, um journalistische und politische Kontakte zu knüpfen. Auch bei der LZ erhielt er schon Einblicke in das Tätigkeitsfeld eines Online-Redakteurs.

Das alles wäre ohne seinen Blog, auf dem er von seinen Erfahrungen in Syrien, seiner Flucht und dem Leben hier berichtete, nie zustande gekommen. Darin wollte er „ein anderes Bild von Flüchtlingen zeigen". Bachos Familie ist jesidischen Glaubens und wird in Syrien verfolgt.

Natürlich erhoffe er sich eine bessere Zukunft in Deutschland durch Bildung, so Bacho. Zurzeit macht er seinen Realschulabschluss am Lüttfeld-Berufskolleg in Lemgo. Die deutsche „Huffington Post" kam auf den Salzufler zu. Auf deren Internetseite schreiben nicht nur Redakteure Artikel, auch freie Journalisten und Blogger wie Bacho.

Sein Beitrag „Die Wutbürger sollten Deutschland verlassen" wurde von vielen Medien aufgegriffen. Darin heißt es: „Wir Flüchtlinge und die Deutschen wollen mit euch Wutbürgern nicht in demselben Land leben. Ihr könnt, und das halte ich für richtig, aus Deutschland flüchten, nehmt bitte Sachsen mit und die AfD gleich auch."

Drei Tage lang habe er keine Ruhe gehabt. Auch auf seiner Facebook-Seite (mehr als 6.000 Fans) zieht der Realschüler mit seinen provokanten Beiträgen Anfeindungen auf sich. Normalerweise freue er sich über die Verbreitung seiner Beiträge. Aber nach den Medienberichten habe er Morddrohungen von Islamisten bekommen. „Da hatte ich Angst um meine Familie. Deswegen habe ich es ruhiger angehen lassen." Da die Diskussion aus dem Ruder lief, wurde der Originalartikel der „Huffington Post" gelöscht.

Hat Bacho Ausländerfeindlichkeit im realen Leben zu spüren bekommen? Erst nach einiger Zeit fällt ihm ein: Der Erzieher eines Kinderheims, in das er nach seiner Flucht zunächst kam, habe ihn ständig herablassend behandelt. Sprüche wie „Was willst du eigentlich?" seien an der Tagesordnung gewesen. Bacho erzählt so lapidar, als sei so ein Verhalten gegenüber Flüchtlingen normal, ja sogar hinnehmbar. Es wirkt, als habe er sich einen Schutzpanzer zugelegt, der Anfeindungen abprallen lässt.

Information
Flucht aus Syrien

Bacho stammt aus einem syrischen Dorf. 2010 ist er mit seiner älteren Schwester nach Deutschland geflohen. Zunächst ging es mit dem Auto in die Türkei. Ein völlig überfüllter Transporter brachte sie nach Griechenland, wo sie für drei Monate unter „schlimmen hygienischen Bedingungen" in Haft kamen. Dann fuhren sie mit Schleusern über die Balkanroute nach Düsseldorf, wurden dort getrennt. Aras Bacho blieb drei Monate in einem Kinderheim, bevor er nach Bad Salzuflen zu seiner Schwester und einem Bruder zog.

In seinen Texten geht Bacho offensiver mit Leuten um, die etwas gegen Ausländer haben. Er stellt Forderungen an Politiker, Geflüchtete und an „Wutbürger". Dieses Wort verwendet er ständig. Er schnappt solche Signalwörter auf, platziert sie in seinen Beiträgen und bezieht Stellung. Themen wie die Flüchtlingspolitik, populistische Parteihetze und Religions- sowie Pressefreiheit mag man einem 18-Jährigen noch gar nicht zutrauen. Trotzdem erlangen seine Aussagen Beachtung, weil er selbst Flüchtling ist.

Bacho hat große Ziele. „Ich möchte bei einer deutschen Zeitung arbeiten und möchte Angela Merkel interviewen." Auf der Straße erkannt werden möchte er allerdings nicht. Zuletzt hätte ihn eine Frau angesprochen: „Flüchtlinge haben keine Rechte." Vielleicht zieht es ihn deshalb in die Anonymität der Großstädte. Berlin fasziniert ihn: „Es gibt viele Ausländer, aber keinen Stress."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.