Bielefeld/Höxter. Nach dem Doppelmord in Höxter sitzen zwei Hauptbeschuldigte in Untersuchungshaft, der 46-jährige Wilfried W. in der JVA Paderborn, die 47-jährige Angelika W. in der JVA Bielefeld. Regelmäßig werden sie von ihren Strafverteidigern besucht. Immer neue Informationen geraten in die Öffentlichkeit. Zum Dreh- und Angelpunkt wird zunehmend die Schuldfrage. Wer hat was zu den Taten beigetragen, wer war die treibende Kraft bei den unbeschreiblichen Misshandlungen, die zwei Frauen das Leben kosteten.
„Wilfried W. fühlt sich mitschuldig, ohne wenn und aber," berichtet Detlev Binder vom aktuellen Besuch seines Mandanten in der Untersuchungshaft. Er sei aber nicht die treibende Kraft bei den Misshandlungen und Quälereien gewesen, so Binder. Außerdem streite sein Mandant jegliche Quälereien gegenüber seiner Ex-Ehefrau Angelika W. ab und sei erschreckt über die Brutalität, mit der seine Ex-Frau gequält und misshandelt habe.
Strafverteidiger Peter Wüller hat beim Besuch seiner Mandantin Angelika W. am Mittwochnachmittag in der Bielefelder JVA eine gänzlich andere Version gehört. „Angelika W. streitet nicht ab, die treibende Kraft bei den schweren Straftaten gewesen zu sein", sagt Wüller. Und dann gibt er erschreckende Einzelheiten aus dem Gespräch mit der Hauptbeschuldigten wieder.
„Angelika W. hat alle Misshandlungen durch Wilfried W. am eigenen Leib erlebt. Sie wurde mit heißen Flüssigkeiten wie Wasser, Tee oder Kaffee überschüttet. Manchmal hat ihr Wilfried W. kochendes Wasser über den Kopf gekippt. Bei Autofahrten habe er immer eine Teekanne dabeigehabt und des öfteren während der Fahrt heißen Tee in den Schoß seiner Mandantin gekippt. Er hat ihre Brüste blutig gebissen, so dass sie nicht mehr zu erkennen waren.
Immer wieder wurde ihr die Luft teilweise bis zur Bewusstlosigkeit abgedrückt. Hierzu benutzte er seine Hände, Kabel, Handtücher, Gürtel, Decken, Plastiktüten oder seinen Fuß, wenn sie vor ihm auf dem Boden lag. Er tauchte ihren Kopf in einer gefüllten Badewanne unter oder steckte ihren Kopf in einen Eimer, der mit Futtermitteln und Wasser gefüllt war.
Ständig gab es Tritte gegen den Kopf oder in den Unterleib. Verbrennung wurden ihr mit einem Feuerzeug, einem heißen Kaminschürhaken, der Herdplatte oder einem Bunsenbrenner zugefügt. Er hat die Tür zum Kamin geöffnet und versucht, ihren Kopf in den brennenden Kamin zu drücken."
Soviel sei zu der Behauptung von Wilfried W. zu sagen, er sei über die Brutalität seiner Ex-Frau erschrocken. Brutalität, die sie erfahren habe, hätte sie dann an die Opfer weitergegeben, immer auf Weisung ihres Lebenspartners. Dass Opfer des Horrorpaars Zettel unterschreiben sollten, ihr Aufenthalt in Höxter sei angenehm und ohne Zwischenfälle verlaufen, bestätigt die Beschuldigte. Sie will hierzu auch Kontakt zu einer Schiedsfrau in Beverungen gehabt haben. Sie sollte bei der Formulierung der Briefe helfen, damit sie rechtlich einwandfrei sind.
So ein Brief, eine Art Freistellungserklärung für die mutmaßlichen Doppelmörder, sei auch bei bei der Polizei in Uslar vorgelegt worden, berichtet Wüller. Die mutmaßlichen Mörder waren mit einem Opfer auf dem Weg zum Braunschweiger Bahnhof und hatten einen Stopp in dem Ort eingelegt. Im Beisein eines Polizeibeamten sollte das 51-jährige Opfer Christel S. den Brief unterschreiben, der Beamte die Unterschrift bezeugen. Der nahm das Schreiben kurz in Augenschein, erklärte sich für eine Beglaubigung der Unterschrift von Christel S. aber als nicht zuständig.
Als verhängnisvollen Fehler bezeichnet Detlev Binder dieses Verhalten. „Die beiden anschließenden Morde hätten vielleicht verhindert werden können. Es hätte erkannt werden müssen, dass in dem Schreiben falsche Tatsachen vorgegaukelt werden. Ich vermisse die kriminalistische Sensibilität. Der fehlende Spürsinn ist kein Ruhmesblatt für die Polizei."
Gegenüber dieser Zeitung hat die Polizeidirektion Göttingen inzwischen zu den Vorwürfen Stellung genommen. „Aktuell ist bereits die für Uslar zuständige Polizeiinspektion Northeim/Osterode beauftragt worden, durch interne Maßnahmen den Sachverhalt aufzuklären", so Polizeipräsident Uwe Lührig. Wegen des schwebenden Ermittlungsverfahrens könne man sich im Augenblick aber nur eingeschränkt äußern.