Oerlinghausen. Kein Wort, kein Satz, nur ein lautes Stöhnen. Für Johann Schöck die einzige Möglichkeit, sich zu äußern. Dass der 38-Jährige überhaupt Fortschritt macht, haben die Ärzte kaum für möglich gehalten. Am 23. Juni 2012 sind dem Familienvater zwei Aneurysmen im Kopf geplatzt, drei Wochen später folgte ein Schlaganfall. Seither ist Schöck schwerstbehindert. Seine Frau, die ihren Mann zu Hause betreut, kämpft um Unterstützung. Und sie hat erleben müssen, wie groß die Löcher im Sozialsystem sind.
Johann Schöck hatte sein Hobby zum Beruf gemacht. Der Computertechniker verdiente gut. Mit seiner Frau Manuela baute er vor elf Jahren ein Haus am Welschenweg. Zwei Töchter machten das Familienglück perfekt. Dann, vor eineinhalb Jahren war plötzlich alles anders. Als er im Garten ein Schwimmbecken für die Kinder aufbauen wollte, sackte Schöck zusammen. Zehnmal wurde er in der Folge operiert, kam dann in eine Rehabilitations-Klinik nach Bad Oeynhausen.
Schöcks Geist ist wach, aber er ist gefangen in seinem Körper, kann sich weder äußern noch bewegen. Schöck leidet, seine Familie leidet. "Es sind viele Tränen geflossen", erzählt Manuela Schöck. Seit Ende August ist ihr Mann zu Hause. "In der heimischen Umgebung macht er die meisten Fortschritte", sagt die 38-Jährige. "Die Kinder sind sein Leben." Wenn Amelie (8) und Chantal (11) mit dem Papa kuscheln, "dann reagiert er darauf". Letztens habe er es geschafft, trotz seiner Spastik die Wange von Amelie zu streicheln. "Das sagt alles." Aus der Schnabeltasse kann er trinken, mit großer Willenskraft schafft er es, den Kopf zu drehen. "Alles Dinge, die man nicht mehr erwartet hatte."
Kleine Schritte. "Wir sind sicher, dass noch mehr möglich ist", sagt Manuela Schöck. Rund um die Uhr ist sie für ihren Mann da. Ihre Eltern und Geschwister, die Eltern ihres Mannes helfen, wo sie können. Das Gros aber muss sie alleine bewältigen. Auch nachts stellt sie sich zweimal den Wecker, schläft im Wohnzimmer, weil Johann Schöck in seinem Pflegebett gewendet werden muss.
Kein Fall wie viele andere: Johann Schöck ist jung und fällt als Hauptverdiener aus, er hat eine junge Frau und zwei Kinder, ein Haus, das unterhalten werden muss. Dass sie immer wieder auf Stolpersteine stößt, weil sie ihren Mann eben nicht weggeben möchte, musste Manuela Schöck schmerzlich erfahren.
Gerne würde sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und ab und zu eine Nacht durchschlafen. Deshalb hat die 38-Jährige darauf gehofft, eine polnische 24-Stunden-Kraft bewilligt zu bekommen. Hansjörg Hilker von der Psychosozialen Beratung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) knüpfte die Kontakte. "Der Fall ist so komplex, dass man kaum weiß, wo man ansetzen soll." Eine Pflege im eigenen Heim ist für ihn nur vorstellbar mit einer Betreuung rund um die Uhr. Hilker klopfte beim Landschaftsverband (LWL) an. Die Sache wurde nach Aktenlage geprüft. Und ging zum Kreis.
Nach Gesprächen dort gewann Hilker den Eindruck, dass man aus der Einzelfallperspektive heraus die 24-Stunden-Kraft für sinnvoll hält. Frohen Mutes informierte Hilker die Familie. Die richtete trotz klammen Geldbeutels ein Zimmer her. Zwei Tage vor der Ankunft das Dementi. "Alles ein Missverständnis." Warum? "Politische Gründe." "Wir möchten keinen Präzedenzfall schaffen", erläutert Astrid Lehre vom Fachgebiet Soziales beim Kreis Lippe. Polnische, russische und Kräfte aus anderen osteuropäischen Ländern seien oft ungelernt. Natürlich gebe es die Freizügigkeit in Europa, "aber wir haben genügend eigene Dienste". In einem Gespräch und einer Begutachtung vor Ort wurde der Umfang der Hilfe festgelegt und ein entlastender Dienst genehmigt. Für 26 Stunden in der Woche kommen Mitarbeiter des in Oerlinghausen ansässigen Vereins "Rückenwind". Aber eben nur tagsüber. Außerdem geben sich Logopäde, Ergotherapeut und Physiotherapeut die Klinke in die Hand. Einen Großteil davon muss Manuela Schöck aus eigener Tasche bezahlen, denn ihr Mann war als Selbstständiger privat versichert, die junge Familie nicht entsprechend abgesichert.
Damit zumindest diese finanzielle Last wegfällt, geht die zweifache Mutter nebenbei arbeiten. Nur so hat sie nach einem Jahr die Möglichkeit in der gesetzlichen Krankenkasse zu bleiben.
Dass Manuela Schöck den Wunsch habe, ihren Mann zu Hause zu pflegen, "kann ich sehr gut verstehen", sagt Astrid Lehre. "Ich glaube auch, dass ihm das guttut." Aber die Schwere der Erkrankung sei nun einmal immens. "Der Hilfebedarf wird groß bleiben." Um die Familie zu entlasten, kommt aus ihrer Sicht die Unterbringung in einer Einrichtung der jungen Pflege in Frage.
Nicole Rembacz von "Rückenwind" sieht das anders. "Dort gehört er nicht hin, dafür macht er viel zu große Fortschritte." Manuela Schöck ist sich sicher: "Da würde er eingehen." Und sie fragt sich jeden Tag aufs Neue, warum man ihr die 24-Stunden-Kraft verweigert. "Dadurch würden doch sogar weniger Kosten entstehen."