Löhne. Auf einem kleinen, etwas vergilbten Kalenderblatt steht seine Adresse und "Bitte schreiben". Nicht aber seine aktuelle Adresse, sondern Siegfried Heuers Adresse von 1961, konserviert in einer braunen Bierflasche mit einem rostigen Porzellanbügelverschluss. Eine Geschichte über Spielcasinos, eine Frau namens Renate und eine 52 Jahre alte Flasche Bier.
Die Flaschenpost, die der 73-jährige Löhner 1961 in Weilheim in Oberbayern losgeschickt hatte, hat Familie Panizza aus Dießen am vierten Advent am Ufer des Ammersees gefunden. Sofort startete sie die Suche nach dem Absender.
Damals lebte Heuer in Bielefeld, Stapenhorststraße 19. "In diesem Jahr war ich aber von der Bundeswehr aus an eine Sanitätstruppenschule nach München geschickt worden", erinnert er sich, kramt seinen alten Wehrpass hervor und zeigt den Eintrag. Auf einem Konzert hat er dort Renate kennengelernt.
"Sie kam aus Weilheim und erzählte ihrer Freundin, ich sei eine alte Jugendliebe von ihr und wir wären gemeinsam zur Schule gegangen", sagt Heuer und lacht. "Sie wollte die Arme auf die Schippe nehmen." Die Drei verstanden sich gut.
Heuer beschloss, die beiden Frauen, die in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen arbeiteten, zu besuchen. Er stieg in München in den Zug. "In Garmisch hatte ich zwei Stunden Aufenthalt", erinnert sich Heuer. "Die Zeit musste ich doch sinnvoll nutzen." Er lächelt. "Also bin ich in ein Spielcasino gegangen." Dort habe er dann fast sein gesamtes Geld verloren. "Ich war so frustriert, dass ich den Besuch bei den beiden Damen ins Wasser fallen ließ und mich in die nächste Bahn Richtung München setzte."
Auf dem Weg in die bayrische Hauptstadt stieg er in Weilheim aus. "Immerhin wollte ich mir die Stadt anschauen, in der ich laut Renate angeblich meine Jugend verbrachte hatte." Mit ein paar Flaschen Bier - gekauft von den letzten paar Geldstücken, die nicht im Casino geblieben waren - setzte er sich an das Ufer der Ammer, dem Fluss, der in den Ammersee mündet.
"Wahrscheinlich bin ich dort auf die Idee gekommen, eine Flaschenpost zu versenden", sagt der 73-Jährige. Seine Erinnerung verblasst hier etwas. Er sitzt auf seinem Sofa und schaut sich die Bilder an, die ihm Familie Panizza aus Dießen per Email zugesendet hat. Die Nachricht ist noch einwandfrei zu erkennen.
"Das hat mich schon berührt", sagt Heuer. Als Christoph Panizza kurz vor Weihnachten bei ihm anrief, sei er aber erst ein wenig stutzig gewesen. "Ich habe mich gefragt, warum sich jemand nach meiner Adresse von 1961 erkundigt." Als er aber den kleinen Zettel auf Fotos sah, die Panizza ihm zugesendet hatte, erkannte er: "Das ist meine Schrift."
Die Flaschenpost, die Siegfried Heuer 1961 in die Ammer warf, ist 52 Jahre später in den Händen der Dießener Familie gelandet.
"Meine Frau und ich haben einen Spaziergang mit unserem Sohn Amadeo gemacht", sagt der Familienvater. "Der war nicht gerade begeistert, er langweilte sich." Am Südufer des Ammersees entdeckte der Zehnjährige auf dem Rückweg eine Flasche im Schlamm. "Mehr aus Scherz habe ich zu meinem Sohn gesagt, dass das sicherlich eine Flaschenpost sei", sagt Panizza.
Als die Familie die Flasche dann genau betrachtete, entdeckte sie den kleinen Zettel. "Wir haben versucht, den Porzellanbügel vorsichtig zu lösen. Der war aber sehr durchgerostet und ging kaputt." Erst daheim gelang es den Panizzas, den Zettel aus der Flasche zu holen.
"Wir haben gleich angefangen, zu recherchieren, haben bei der Auskunft in Bielefeld angerufen und uns auch in der Umgebung umgehört", sagt der Familienvater. "Mein Sohn hat die Flasche nicht mehr aus der Hand gegeben. Für ihn war das Ganze ein richtiges kleines Abenteuer."
Und für Siegfried Heuer ist eines klar: "Einer der nächsten Urlaube geht auf jeden Fall zum Ammersee."