Lippische Landes-Zeitung: Nachrichten aus Lippe, OWL und der Welt

Gütersloh

89-Jähriger aus Kreis Gütersloh muss wohl nicht vor Gericht

Nur eine Anklage wegen NS-Massaker

Die Ruinen von Oradour-sur-Glane. - © FOTO: DPA
Die Ruinen von Oradour-sur-Glane. (© FOTO: DPA)

Dortmund. Ein 89 Jahre alter Mann aus dem Kreis Gütersloh wird sich aller Voraussicht nach nicht für die im Jahr 1944 von deutschen Soldaten verübten Kriegsverbrechen im französischen Dorf Oradour-sur-Glane verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft Dortmund als die in NRW zuständige Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen sieht die Beweislage gegen den betagten Senior, der ein ehemaliger Angehöriger der SS-Einheit "Der Führer" gewesen sein soll, als "sehr dürftig an".

 Ähnliches gelte auch für vier weitere in diesem Komplex noch beschuldigte Senioren, sagte der Leiter der Zentralstelle, Oberstaatsanwalt Andreas Brendel, auf Anfrage der Neuen Westfälischen.

Gegen einen ebenfalls 89 Jahre alten Rentner aus Köln habe seine Behörde aber vor wenigen Tagen Anklage wegen der Beteiligung am Massaker in Oradour-sur-Glane erhoben. Am 10. Juni 1944 waren dort 624 Menschen, darunter 254 Frauen und 207 Kinder, ermordet worden. SS-Soldaten hatten den Befehl zur Hinrichtung der Zivilisten erhalten, um die vermeintliche Entführung eines Bataillonskommandeurs zu sühnen. Dem Rentner aus Köln wird vorgeworfen, zusammen mit anderen Mitgliedern der 3. Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments 4 "Der Führer" 25 Bewohner von Oradur- sur-Glane in einem Weinlager niedergeschossen zu haben. Anschließend soll der Angeschuldigte sich in der Nähe einer Kirche aufgehalten haben, in der zahlreiche Frauen und Kinder zunächst eingesperrt und dann niedergemetzelt und verbrannt wurden. Bei diesem Massaker soll der damals 19 Jahre alte Kölner geholfen haben, "indem er entweder in Sichtweite der Kirche Absperr- und Bewachungsaufgaben übernahm oder Brennmaterial in die Kirche trug".

Oberstaatsanwalt Brendel räumte ein, dass es immer schwieriger wird, noch lebende NS-Täter zu überführen und zur Verantwortung zu ziehen. Vor wenigen Tagen hatte das Landgericht Hagen das Verfahren gegen den früheren SS-Mann Siert Bruins (92) wegen der Ermordung eines niederländischen Widerstandskämpfers eingestellt. Beweise waren verlorengegangen. Brendel bestätigte, dass seine Behörde noch drei Verfahren wegen der Beteiligung an NS-Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz führt. Zwei mutmaßliche Täter leben in OWL. Sie sind schon über 90 Jahre alt. Details zu diesen Ermittlungen wollte Brendel nicht preisgeben.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2026
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.