Gütersloh. Blick in den Fahrstuhl: Eine Frau im Pflegerkittel trägt eine brennende Lampe. Rechts von ihr steht ein hölzerner Sarg. Die Tür des Fahrstuhls ist in Bewegung. Bald schließt sie sich. Das Schwarzweiß-Bild ist eines von 50 Bildern, die Dirk Schumacher innerhalb von zwei Wochen fotografiert hat. Zwei Wochen, in denen sein Vater Wolfgang im Haus des Hospiz- und Palliativ-Vereins zu Gast war.
Im Mai letzten Jahres schlug Wolfgang Schumacher seinem Sohn Dirk vor, ihn zu fotografieren. "Es war seine Idee, ihn während seiner Zeit im Hospiz zu fotografieren", sagt Dirk Schumacher. "Mein Vater wollte sich damit beim Verein für die Zeit im Hospiz bedanken.
Die Idee war, die Fotos zu einem späteren Zeitpunkt auszustellen und somit Öffentlichkeitsarbeit für das Hospiz zu leisten und auf das Tabuthema Tod aufmerksam zu machen. Und da er wusste, dass die Fotografie mein Hobby ist, fragte er mich, ob ich das mache."
Die Mitarbeiter des Hospizes waren zunächst skeptisch. Koordinatorin Silke Schadwell erinnert sich: "Als uns Vater und Sohn davon erzählten, dass sie die Zeit im Hospiz fotografisch festhalten wollen, fanden wir die Idee erst ungewöhnlich. Doch jetzt finden wir sie mutig." Auch Dirk Schumachers Familie reagierte erst verhalten auf die Idee. "Dann waren sie aber begeistert", sagt Schumacher.
Dirk Schumacher begann zu fotografieren. Er verbrachte viel Zeit mit seinem Vater und den anderen Gästen im Hospiz. Die Angst davor, wie er mit dem nahenden Tod der Hospiz-Gäste umgehen soll, verschwand schnell. "Die Stimmung unter den Gästen war toll. Sie hatten gute Laune. Das hatte ich nicht erwartet", sagt der 47-Jährige aus Rheda-Wiedenbrück.
Zu seinem Vater hatte er immer ein gutes Verhältnis. In der Zeit der fotografischen Zusammenarbeit kamen sich beide noch näher. Sie führten sehr viele Gespräche. "Durch die intensive gemeinsame Arbeit ist es mir leichter gefallen, mit dem nahenden Tod meines Vaters umzugehen", sagt Dirk Schumacher. "Ich kann es jedem nur empfehlen."
Die Ausstellung mit dem Titel "Die Zukunft der Erinnerung" im Hospiz zeigt 16 der entstandenen Fotos. Bilder, die ganz unterschiedlich sind. Mal zeigen sie Wolfgang Schumacher mit den anderen Hospiz-Gästen an einem Tisch, dann ihn alleine im großen Garten oder in seinem Zimmer, in seinem Bett oder nachdenklich am Fenster. Das letzte Bild in der Chronologie zeigt eine Lampe. Es ist die Lampe, die die Pflegekraft im Fahrstuhl in der Hand hat. Sie leuchtet für den Verstorbenen draußen vor dem Hospiz. "Mein Vater starb nach zwei Wochen hier im Hospiz an Lungenkrebs", sagt Dirk Schumacher.
Seit 2009 fotografiert der Technische Angestellte in seiner Freizeit. Sein Schwerpunkt ist die urbane und die dokumentarische Fotografie. "Ich fotografiere nur schwarzweiß", sagt Schumacher. "Ein Farbbild legt man viel schneller aus der Hand, weil es einem durch die Farbe vertraut vorkommt. Bei einem Schwarzweiß-Bild muss man länger hinschauen." Schumacher zeigt auf ein Bild. Es ist ein Porträt seines Vaters, fast ganz in schwarz gehüllt. "Das Foto ist abends im Zimmer meines Vaters entstanden. Es gefällt mir, denn es spiegelt den Charakter meines Vaters wider", sagt er.
Für Dirk Schumacher und auch für den Hospiz- und Palliativ-Verein ist es die erste Ausstellung. Auch Bürgermeisterin Maria Unger ist zur Ausstellung gekommen. Sie lobt die Arbeit des Vereins und die Ausstellung. "Die Fotos sind der bildgewordene Ausdruck der Philosophie hier im Hospiz", sagt Unger. "Sie zeigen, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, den wir alle irgendwann gehen."
Claus Gropp, der erste Vorsitzende des Hospiz- und Palliativ-Vereins, ist von der Ausstellung auch begeistert. "Es ist schon sehr intim, einen Menschen beim Sterben fotografisch zu begleiten. Für den Sohn ist es auch eine Art Verarbeitung", sagt Gropp. "Die Fotos zeigen aber auch, dass man in Fröhlichkeit und in Würde bis zum Tod leben kann."