Gütersloh. Die Region im Herzen, Europa und die Welt im Blick: So könnte das Motto lauten, unter dem die Bertelsmann-Stiftung ihre Projekte in den kommenden Jahren angehen will. So will die Gütersloher Denkfabrik regelmäßig aufzeigen, wie es um die Gerechtigkeit in der Europäischen Union steht.
Bereits im Sommer will die Stiftung einen "Gerechtigkeitsindex" vorlegen. Das kündigte Vorstandschef Aart De Geus bei der Vorstellung des Jahresberichts 2013 an. Mit dem neuen Instrument wolle man auf wirtschaftliche und soziale Schieflagen innerhalb der 28 Mitgliedsstaaten der EU hinweisen. Künftig soll der Sozialindex dann jeweils im Herbst und Frühjahr vor den Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs präsentiert werden.
"Mehr soziale Gerechtigkeit schafft gleichzeitig auch mehr Wachstum und Wohlstand. Wir brauchen inklusives Wachstum. Ein Wachstum, das sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltig ist", sagte De Geus. Trotz erster Erfolge bei der Bewältigung der Euro-Krise seien Schieflagen unübersehbar. "Hohe Arbeitslosigkeit in Europas Süden, vor allem unter der jungen Generation, soziale Spannungen, ein Vertrauensverlust in die gemeinsame Währung und die demokratische Kontrolle - das prägt die Wahrnehmung vor der Europawahl." Die Stiftung wolle einen Beitrag zur Bekämpfung dieser Schieflagen leisten.
Der neue Index wolle Unterschiede zwischen den EU-Staaten und innerhalb der einzelnen Länder aufdecken. "Wobei es dann nicht darum geht, einzelne Landstriche zu untersuchen, sondern die verschiedenen Gruppen in den Ländern wie Arbeiter, unterschiedliche Altersgruppen oder Frauen und Männer", hob De Geus hervor.
Seine Stellvertreterin im Vorstand, Liz Mohn, hob die Anstrengungen der spanischen Stiftungstochter hervor, Beiträge gegen die dortige Jugendarbeitslosigkeit zu leisten. In drei Regionen wolle man "im Verbund mit der Politik, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften jungen Menschen helfen, eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz zu erlangen". Aktuell hat die Jugendarbeitslosigkeit die 60-Prozent-Marke erreicht.
Intensivieren will die Stiftung zudem ihre Bildungs- und Integrationsprojekte im Bereich Migration, kündigte Vorstandsmitglied Jörg Dräger an. In der Politik werde zu wenig auf vorausschauende, langfristig orientierte Zuwanderung gesetzt, kritisierte er. Fachkräfte aus dem Ausland würden aber bereits heute in Deutschland benötigt. Der Wettbewerb um Talente könne nur dann gute Ergebnisse bringen, wenn neben den Interessen der Einwanderungsländer auch die der Auswanderungsländer und der Migranten selbst berücksichtigt würden, betonte Dräger.
Vor einem Pflegenotstand warnte Vorstandsmitglied Brigitte Mohn. "Selbst unter Annahme der optimistischsten Szenarien klafft nach unserer aktuellen Pflegeprognose bis zum Jahr 2030 zwischen Personalbedarf und -angebot eine Lücke von rund 400.000 Pflegekräften", sagte Mohn. Sie würdigte ausdrücklich das ehrenamtliche Engagement in Deutschland, so auch tausender junger Leute, die ein freiwilliges soziales Jahr machten.
Mohn erinnerte an die 2013 vorgelegte Erhebung "Zivilgesellschaft in Zahlen". Danach gebe es in Deutschland 600.000 Vereine, Stiftungen und gemeinnützige GmbHs. 80 Prozent arbeiteten ausschließlich mit freiwillig Engagierten. "23 Millionen Ehrenamtliche leisten pro Jahr 4,4 Milliarden Stunden für das Gemeinwohl; bei angenommenen 8,50 Euro Stundenlohn müsste man diese Arbeit mit 37 Milliarden Euro bewerten", so Brigitte Mohn.
Ab 2015 wird der mit 200.000 Euro dotierte Reinhard-Mohn-Preis wieder jährlich verliehen. Ausgezeichnet werden soll eine internationale Persönlichkeit, die sich für eine faire und zukunftsweisende Gestaltung von Migration engagiert.
Im Geschäftsjahr 2013 hat die Stiftung nach eigenen Angaben rund 67 Millionen Euro für ihre gemeinnützigen Projekte ausgegeben; vier Millionen Euro mehr als im Vorjahr.