Gütersloh. Gemeinsames Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten in der Berufsausbildung spielt in der deutschen Wirtschaft kaum eine Rolle. Von jährlich 50.000 Schulabgängern mit speziellem Förderbedarf finden laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung nur rund 3.500 einen Ausbildungsplatz im Betrieb.
Nur bundesweit jedes vierte ausbildungsberechtigte Unternehmen hat in den vergangenen fünf Jahren Erfahrungen mit Jugendlichen mit Behinderung gemacht. Dabei bewerte immerhin die Hälfte dieser Unternehmen die Erfahrungen als positiv, berichtet die Stiftung mit Verweis auf eine repräsentative Unternehmensbefragung. "Inklusion darf sich nicht auf Kindergarten und Schule beschränken.
Jugendliche mit Behinderung brauchen nach der Schule eine Perspektive und bessere Chancen auf einen Berufseinstieg", fordert Jörg Dräger, Vorstand der Stiftung. Die Bundesregierung habe sich 2009 zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Damit müsse sie das gemeinsame Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten (Inklusion) auch in der Berufsausbildung umsetzen, betont Frank Frick, Direktor für Lernen fürs Leben bei der Bertelsmann-Stiftung.
Laut der Studie haben nur 8,5 Prozent der Unternehmen schlechte Erfahrungen mit der Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung gemacht. Im Gegenteil: 47,1 Prozent dieser Betriebe bewerteten den Ausbildungsverlauf als überwiegend positiv.
Als Gründe dafür, dass sie keine Jugendlichen mit Behinderungen oder sozialen Auffälligkeiten ausbilden, geben 87 Prozent der Betriebe an, sie bekämen keine entsprechenden Bewerbungen für Ausbildungsplätze. Allerdings richteten sie ihr Augenmerk auch zu wenig auf diese Personengruppe und sähen andere Instanzen (Arbeitsverwaltung, Schulen) dafür zuständig, heißt es in der Studie. "Wir haben eine Kultur des Aussortierens", beklagt Frick.
Jahrzehntelang seien junge Menschen mit Behinderungen in "toll ausgestatteten Werkstätten" beschäftigt worden. "Aber damit sind sie auch für Arbeitsagenturen aus den Augen, aus dem Sinn." Eine Berufsausbildung gebe es dort nicht. Dabei könnten Werkstätten nach seiner Ansicht bestimmte Teile der Berufsausbildung übernehmen. Sie müsse für Behinderte flexibler und teilweise auch kürzer werden. Viele Behinderungen seien am Arbeitsplatz gar nicht relevant.
Menschen mit Behinderungen seien in vielen Berufen einsetzbar. "Auch Blinde können mit einem sprachgesteuerten Computersystem tippen." In das System des Aussortierens werde viel Geld investiert. Dies könne sinnvoller für die Inklusion ausgegeben werden. Auch gegen den Fachkräftemangel helfe die Integration von Behinderten in die Berufswelt.
Gut die Hälfte der Betriebe, die Behinderte ausbilden, und rund ein Drittel der übrigen Betriebe würden mehr solcher Ausbildungsplätze bieten, wenn der Staat sie (besser) fördere. Viele beklagen zudem fehlende Infos über Förderung (Ausbildungsvergütung, Umgestaltung des Ausbildungsplatzes)