Späte Zahlungen an Missbrauchsopfer

Rund 40 Anträge bei Fachstelle für die Landeskirchen Westfalen und Lippe

VON HUBERTUS GÄRTNER

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Bielefeld/Paderborn. Die beiden evangelischen Landeskirchen in Westfalen und Lippe haben seit einigen Monaten nun ebenfalls damit begonnen, Geld an Personen zu zahlen, die in Heimen oder anderen kirchlichen und diakonischen Einrichtungen vor längerer Zeit Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind.

Der Leiter der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, Stefan Wutzke, stehe derzeit mit etwa 60 Personen in Kontakt, bestätigte die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW). Etwa 40 Betroffene hätten bereits einen Antrag auf Geldzahlung gestellt.

Die dafür zuständige Kommission habe in drei Sitzungen auch schon über 15 Anträge entschieden. "Den meisten davon wurde ihr Geld inzwischen überwiesen", teilte die EKvW auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Nach langen Diskussionen war im Herbst 2013 in Münster die genannte Fachstelle geschaffen worden. Sie soll für die Bereiche der EKvW und der Lipischen Landeskirche eine "zentrale Anlaufstelle" bilden, "um das Ziel eines verantwortungsvollen Umgangs mit Fällen von sexualisierter Gewalt noch besser zu erreichen". In der Fachstelle werden verschiedene Angebote koordiniert und Konzepte zur Vorbeugung erarbeitet.

Sie kann "Betroffene wie auch Beschuldigte zum weiteren Vorgehen beraten", aber auch "erste direkte Hilfestellung" leisten. Wutzke bietet zu dem heiklen Thema ständig Fortbildungsmaßnahmen für Mitarbeiter in Kirche und Diakonie an. All das diene der Vorbeugung.

Komme es dennoch zu einem Verdacht, dann "muss dem immer schnell und konsequent nachgegangen werden", sagt Wutzke. Das mögliche Opfer sei dabei "unbedingt zu schützen". Auch die verdächtige Person dürfe man "nicht vorschnell als Täter abstempeln".

Menschen, denen vor längerer Zeit unter dem Dach der evangelischen Kirche sexuelle Gewalt angetan wurde, können sich ebenfalls an die Fachstelle wenden. Das haben in den letzten Monaten offenbar wesentlich mehr Opfer getan als ursprünglich erwartet. Westfälische und lippische Landeskirche hatten ursprünglich nicht mit einer solch hohen Anzahl von Antragstellern gerechnet.

Wenn juristische Ansprüche verjährt und die Täter nicht mehr zu ermitteln sind oder diese nicht mehr leben, zahlen die beiden evangelischen Landeskirchen 5.000 Euro an die jeweiligen Opfer. Die Geldzahlung habe "Symbolcharakter", sie sei "ein Element in einem Gesamtsystem von Unterstützung", sagt Albert Henz, theologischer Vizepräsident der EKvW. Das Leid der Opfer lasse sich "nicht entschädigen und nicht wiedergutmachen". Es gehe darum, sie "ernst zu nehmen, anzuerkennen und ihr Schicksal zu würdigen".

Die katholische Kirche im Erzbistum Paderborn zahlt bereits sei 2011 und damit deutlich länger. Von Anfang März 2011 bis Mitte Juli 2014 haben hier 95 Personen "Anträge auf Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde", gestellt. Etwa ein Drittel der Antragsteller seien Frauen, zwei Drittel seien Männer, teilte Ägidius Engel, Sprecher des Erzbistums, dieser Zeitung auf Anfrage mit.

Die zuständige Zentrale Koordinierungsstelle (ZKS) in Bonn habe "52 Opfer anerkannt", so Engel. Das Erzbistum Paderborn habe bis zum Stichtag 10. Juli insgesamt 306.000 Euro "aufgrund der Empfehlungen der ZKS an die Opfer überwiesen", wobei die "Entschädigungssummen" zwischen 1.000 und 8.000 Euro geschwankt hätten. Außerdem habe das Erzbistum Paderborn 21.500 Euro für die therapeutische Behandlung von Missbrauchsopfern bezahlt.

Nach Auskunft von Engel hat das Erzbistum Paderborn 40 gestellte Anträge nicht anerkennen können, weil der Missbrauch offenkundig in Heimen und (psychiatrischen) Kliniken nichtkirchlicher Träger passiert ist.

Auch in Fällen, in denen das Opfer zum Zeitpunkt des Missbrauchs bereits volljährig war, habe man kein Geld gezahlt. Leer gingen auch Opfer aus, die zwar körperliche, aber keine sexuelle Gewalt erdulden mussten.

Information

Heimkinderfonds

Die Geldzahlungen der Kirchen an Missbrauchsopfer dürfen nicht mit dem sogenannten Heimkinderfonds verwechselt werden.

Dieser Fonds, an dem sich der Bund, die Länder und die Kirchen zu je einem Drittel beteiligen, unterstützt Personen, die zwischen 1949 und 1975 in Westdeutschland oder zwischen 1949 und 1990 in der DDR-Gebiet in Heimen gelebt haben, mit Rentenersatz- und Sachleistungen.

Ansprechpartner für Leistungen aus diesem Fonds sind in NRW die beiden Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe.

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