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Detmold

Ein Stückchen Schloss im Bahnhof Detmold

Das Fürstenzimmer öffnet zum Tag des Denkmals

Jochen Brockbals zeigt in Detmold im Fürstenzimmer des Bahnhofes auf ein Wandgemälde. - © FOTO: DPA
Jochen Brockbals zeigt in Detmold im Fürstenzimmer des Bahnhofes auf ein Wandgemälde. (© FOTO: DPA)

Detmold (lnw). Fürstlich reisen mit der Bahn? In Detmold war das in der Kaiserzeit kein Problem. Beim Bau des Bahnhofs 1880 wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um blaublütigen Bahnreisenden das Warten auf den Zug so angenehm wie möglich zu gestalten. Am Sonntag, dem bundesweiten "Tag des offenen Denkmals", sind die Türen des ansonsten verschlossenen Fürstenzimmers geöffnet. 1888 wurde in dem opulenten Wartesaal sogar der Kaiser standesgemäß empfangen.

"Die Wandmalereien sind schon etwas ganz Besonderes", meint Jochen Brockbals, der am Sonntag Besuchern den Raum zeigen wird. In fast sieben Metern Höhe über dem Eingang des Fürstenzimmers ist eine Ansicht der einstigen Residenzstadt im Kreis Lippe mit Stadtmauern, Kirchtürmen und rot gedeckte Bürgerhäusern zu sehen. Umrahmt wird die historische Ansicht Detmolds von kunstvoller Illusionsmalerei. Darunter heben sich in strahlendem Rot-Gelb kleine lippische Rosen leuchtend vom dunkelblauen Untergrund ab. An jeder Wand des Saals mit der reich verzierten Holzdecke sind weitere Details zu entdecken.

"Man muss sich diesen Saal vorstellen wie einen Salon in einem Schloss. Er hatte eine Ausstattung mit Tischen, Stühlen, Sofas und Spiegeln. Es gab sogar einen neugotischen Ofen. Denn anders als in den Wartesälen für das Volk wurde hier geheizt. Und es gab ein Nebenkabinett, eine diskret eingebaute Toilette", beschreibt Dirk Strohmann vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe die ursprüngliche Gestaltung. Der Kunsthistoriker hat die Geschichte des Fürstenzimmers erforscht, nachdem die Stadt Detmold 2004 das Bahnhofsgebäude samt kaiserzeitlicher VIP-Lounge gekauft hatte und die Anlage sanieren wollte.

Im Geheimen Staatsarchiv preußischer Kulturbesitz in Berlin stieß Dirk Strohmann auf eine Akte über Fürstenzimmer in ganz Preußen. Denn der exklusive Wartesaal für Reisende von Stand war nicht etwa eine lippische Besonderheit: "Damals sahen die Bauvorschriften für Bahnhöfe ausdrücklich vor, dass an Orten, in denen häufig hochadelige Personen reisten, solche Fürstenzimmer gebaut werden mussten."

Mehr als 300 sogenannte "Empfangszimmer für die fürstliche Familie" konnte er in Deutschland nachweisen - stets strikt getrennt von den übrigen Reisenden, in einem jeweils eigenen Gebäudetrakt. "Hier konnten die Ankommenden einen Moment verschnaufen. Danach ging man durch die stadtseitige Tür wieder hinaus, wo schon eine Kutsche wartete - unter einem eigens dafür errichteten Vordach, damit die Herrschaften nicht nass wurden", erzählt der Kunsthistoriker.

Ob Warburg, Coesfeld oder Bonn: An vielen Bahnhöfen konnten sich Angehörige des Hochadels in die eigens für sie errichteten Warteräume zurückziehen. Nicht alle waren so reich ausgestattet wie in Detmold, aber allen gemeinsam ist das Schicksal nach dem Ende der Monarchie: Das Mobiliar wurde abtransportiert, die Säle als Veranstaltungs- oder Lagerräume verwendet und später im Krieg zerstört wie in Münster oder in der Nachkriegszeit abgerissen wie in Köln. In Detmold gingen die Möbel im Laufe der Zeit komplett verloren, und die aufwendigen Wandgemälde verschwanden hinter immer dicker werdenden Tapetenschichten.

Drei Jahre, bis Ende 2007, dauerte es, den verwahrlosten Saal zu restaurieren. Das Mobiliar blieb verschollen, aber die Wandmalereien konnten freigelegt werden und hatten die Zeit überraschend gut überstanden. "Heute ist das Fürstenzimmer eines unserer ganz besonderen Denkmale. Eine Perle am Eingang zur Stadt", meint Catrin Will von der Unteren Denkmalbehörde bei der Stadt Detmold. Zunächst nutzte ein Café das einladende Ambiente, doch seit 2013 steht das Fürstenzimmer wieder leer.
 
Jochen Brockbals rechnet am "Tag des offenen Denkmals", der in diesem Jahr unter dem Motto "Farbe" steht, mit bis zu 200 Gästen im Fürstenzimmer des Detmolder Bahnhofs. In Nordrhein-Westfalen öffnen insgesamt rund 1100 Denkmäler ihre Tore. Der Blick hinter ansonsten oft verschlossenen Türen, der in Deutschland seit 1993 alljährlich an einem Tag gewährt wird, erfreut sich großer Beliebtheit. So waren im vergangenen Jahr nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bundesweit vier Millionen Kulturbegeisterte unterwegs, um 7 500 Denkmale in 2 500 Kommunen zu besichtigen.

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