Bielefeld. Die große Politik entdeckt die ländlichen Regionen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) will das Leben in den dünner besiedelten Teilen Deutschlands attraktiver machen und damit eine Vorgabe des Koalitionsvertrags der Berliner Regierungsparteien umsetzen. Eine Milliarde Euro wollen Bund und Länder laut Schmidt pro Jahr für Förderprogramme ausgeben. Mit diesem Schritt rennt der Minister offene Türen ein, denn funktionierende Projekte gibt es bereits, wie ein Blick nach Ostwestfalen-Lippe zeigt.
"Der soziale Kitt ist sehr wichtig für den ländlichen Raum", sagt Hans-Jürgen Altrogge, Geschäftsführer des Regionalforums Südliches Paderborner Land. Dieser gemeinnützige Verein wird seit dem Jahr 2002 mit EU-Mitteln nach dem "Leader"-Programm gefördert und will sich auch für die neue Förderperiode bis 2020 wieder bewerben. 2,7 Millionen Euro stehen in dieser Periode für eine ländlich geprägte Region bereit, die rund 84.000 Einwohner hat. Sie leben in 47 Dörfern und zwei Städten, wie Altrogge erläutert.
"Die Förderung ist nicht die Lösung, aber sie kann etwas in Gang setzen", ist Altrogge überzeugt. Denn bürgerschaftliche Zusammenarbeit und die Wahrnehmung ehrenamtlicher Aufgaben spielten dabei eine zentrale Rolle. "Der Erhalt der Wohnqualität ist ein wichtiges Thema", sagt Altrogge.
Aus Daten, die man im Projekt gesammelt habe, wisse man, dass viele Menschen über 70 Jahre alt sind. Um Leerstände zu vermeiden, entwickele man Umnutzungsmöglichkeiten wie Mehrgenerationenhäuser. Auch Infrastruktur, Breitbandausbau, Etablierung neuer Dienstleistungen von Bürgern durch Bürger sind weitere Ziele.
"Leader ist eine wirklich gute Sache", sagt Wilhelm Deitermann, Sprecher von Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Deshalb will das Land NRW seine Aktivitäten ausweiten. Die Zahl der bislang zwölf Leader-Projekte soll verdoppelt werden. Insgesamt 70 Millionen Euro stellt die EU hierfür bereit.
Bundesumweltminister Schmidt setzt ebenfalls auf eine stärkere Förderung. Zehn Millionen Euro pro Jahr stehen allein für die neue Initiative "Ländliche Entwicklung" bereit. Damit soll zum Beispiel der Erhalt von Basisdienstleistungen wie Post- und Bankservice unterstützt werden. Ebenfalls kündigte der Minister ein neues Modellvorhaben namens "Land(auf)schwung" an. Jedes Flächenland werde in der Startphase mit drei strukturschwachen Kreisen daran beteiligt sein, so Schmidt. 90 Prozent Deutschlands gehören laut Schmidt dem ländlichen Raum an. Allerdings, so Petra Klug, Projektmanagerin der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, leben 86,5 Prozent der deutschen Bevölkerung in Städten oder Gemeinden ab 5.000 Einwohnern.
Die flächendeckende Förderung des ländlichen Raumes ist umstritten. Kürzlich hatte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, eine "Abwrackprämie" für aussterbende Dörfer als letzten Ausweg aus der demografischen Entwicklung gefordert.