Porta Westfalica. Die Seite, die Maries Welt wieder zurechtrückte, ist abgegriffen und von Knicken übersät. Sie wurde in den vergangenen Monaten immer wieder hervorgeholt. Ein Satz ist sogar mehrfach mit einem Bleistift unterstrichen. "Weil ich diesen Satz so schön fand", sagt Marie (24, Name von der Redaktion geändert). Es handelt sich um die letzte Seite des Dekra-Gutachtens, mit dem der Unfall am 20. November 2013 in Porta rekonstruiert wurde.
"Das Unfallgeschehen war für die unfallbeteiligte Pkw-Fahrerin räumlich und zeitlich nicht zu verhindern", steht dort. Übersetzt heißt das: Die Fahrerin war nicht zu schnell, und sie hätte den Unfall nicht verhindern können. Für Marie ist es Freispruch und Bestätigung zugleich.
Der 24-Jährigen ist vor genau einem Jahr etwas passiert, das einem Albtraum gleicht. Marie ist auf dem Rückweg von der Arbeit nach Hause, als ihr eine Frau aus Rostock vor das Auto läuft. Die 48-Jährige wollte mit ihrer Freundin einen Wellness-Urlaub in Porta machen. Gegen 20 Uhr kommen die beiden am Bahnhof an, wenige Minuten später überqueren sie die Bundesstraße, auf der viel Verkehr herrscht. Die 48-jährige Mutter kommt nie auf der anderen Seite an.
Bruchstückhafte Erinnerung
Marie erinnert sich nur noch bruchstückhaft an den Abend. "Eigentlich ist es wie ein komischer Traum." Vor allem sind es einzelne Bilder: Ein dumpfer Knall, viel Blaulicht, Dunkelheit, ein weißes Laken über einem Körper, Blut auf der Straße und extrem viele Menschen. "Und alle wollten wissen, wie es mir geht", sagt Marie. "In Ordnung", antwortete sie mantraartig. Nein, verletzt sei sie nicht. Sie komme schon klar, sagt sie.
Ihre Mutter sagt heute: "Du standest unter Schock, warst gar nicht richtig da." Und dabei war Marie an diesem Abend sehr lange da, zumindest war sie körperlich anwesend. Rund zwei Stunden dauerte es, bis die Familie - Maries Mutter und ihr Onkel kamen zum Unfallort - nach Hause konnte.
Zwei Stunden, die noch heute surreal wirken. "Man sieht so viel und nimmt es doch nicht wahr", sagt Maries Mutter. Die Reanimation, die Krankenwagen. Irgendwann sei die Unfallstelle abgeschirmt worden. "Das haben wir erst gar nicht mitgekriegt." Es folgen viele Gespräche mit Polizisten. Und immer wieder die Frage: "Geht es dir gut?"
Der Pastor bringt der Familie einen Satz bei, an dem sich Marie und ihre Mutter bis heute orientieren: "Du hast niemanden totgefahren. Dir ist eine Frau vor das Auto gelaufen, und dabei ist sie gestorben." Es sei wichtig, dass man das nicht vergisst.
Die Monate nach dem Unfall sind ansonsten dominiert vom Papierkrieg: Gutachten, Polizeiprotokolle, Anwaltsschreiben, Zeitungsberichte. Die findet Marie besonders unangenehm. "Man liest immer wieder von dem Opfer. Und das Wort Opfer impliziert, dass es einen Täter gibt." Eine Gleichung, die für Marie nicht gut ausgehen kann.
Recherchiert hat Marie über die Frau, die damals starb, nicht. "Es hat mir schon gereicht, dass in der Zeitung stand, sie hatte Kinder." Die Information, sagt sie, werfe in ihr nur unschöne Fragen auf: Waren die Kinder vielleicht noch klein? Was machen sie jetzt? Fragen, mit denen sich die 24-Jährige lieber nicht belastet.
Auch Kontakt zur Familie in Rostock möchte sie vermeiden. "Worüber soll ich mit denen reden?", fragt sie. Eigentlich, so die 24-Jährige, wolle sie nur mal mit jemandem reden, dem etwas Ähnliches passiert ist. Bisher habe sich das aber nicht ergeben.