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Berlin/Bielefeld

Kliniken bleiben auf Kosten für Notfälle sitzen

Krankenhäusern fehlt eine Milliarde Euro / Kassenärzte weisen Kritik zurück

Berlin/Bielefeld. In deutschen Krankenhäusern werden pro Jahr rund zehn Millionen Patienten als ambulante Notfälle versorgt. Das reißt gewaltige Löcher in die Etats der Klinken, wie Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), kritisiert. Er fordert mehr Geld für die Notfallversorgung.

Baum nimmt ein aktuelles Gutachten zum Anlass, um von "massiver Unterfinanzierung der Notfallaufnahmen" zu sprechen. Er rechnet vor: Einem durchschnittlichen Erlös von 32 Euro pro ambulantem Notfall stehen Kosten von 126 Euro gegenüber. Mehr als zehn Millionen ambulante Notfälle mit einem Fehlbetrag von 94 Euro führten zu einer Milliarde Euro nicht gedeckter Kosten. Dies verschärfe die Lage der finanziell klammen Häuser.

Eine Situation, die Krankenhäuser in der Region bestätigen. Das Klinikum Herford hat 2014 mit der Notfallaufnahme zwei Millionen Euro Verlust gemacht, wie Sprecherin Friederike Buettner erklärt. Dennoch werde jeder Patient behandelt: "Haftungsrechtlich ist das Krankenhaus verantwortlich, daher dürfen wir niemanden abweisen", so Buettner.

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Von Martin Fröhlich

Zwei Grundübel im System

Eine Milliarde Euro zahlen die Krankenhäuser jährlich bei der Versorgung von Notfällen in den Ambulanzen drauf. Und das, obwohl ein Gutteil der Patienten genauso gut in eine Notfallpraxis hätte gehen können. Vorweg: Es ist nicht Sache des Patienten, herauszufinden, ob er ein Kandidat für die Bereitschaftspraxis oder die Ambulanz ist. Die Grenzen verlaufen ohnehin fließend.

Die Vorwürfe der Krankenhausgesellschaft an die Kassenärztlichen Vereinigungen mögen in Teilen berechtigt sein. Doch sie helfen nicht weiter. Stattdessen müssten zwei Grundübel angegangen werden. Da ist zum einen die Tatsache, dass Notfallversorgung generell miserabel vergütet wird. Das galt und gilt für Krankenhäuser wie auch für niedergelassene Ärzte und Zahnärzte. Weil Notfallversorgung aber zur unverzichtbaren Grundversorgung zählt, sollte das Geld im System umverteilt werden. Es müssen mehr Mittel für Basismedizin her.

Problem zwei sind die Parallelsysteme von Praxen und Ambulanzen. Gelöst würde das nur, wenn man sie vereinigt. Die Notfallpraxis gehört direkt neben die Ambulanz. Bei der gemeinsamen Anmeldung wird entschieden, wer wo behandelt wird.

Die hohen Kosten in den Ambulanzen entstehen auch, weil die Krankenhäuser aus Haftungsgründen die Patienten aufwendiger untersuchen, als es in Notfallpraxen möglich ist. So fallen unter anderem viel häufiger Kosten für radiologische Untersuchungen und Labordiagnostik an. Außerdem wird mehr Personal eingesetzt.

Die Forderung der DKG nach mehr Geld ist nicht neu. Eine Klage beim Bundessozialgericht hat ergeben, dass die schlechtere Vergütung der Notfallversorgung in Krankenhäusern im Vergleich zu niedergelassenen Ärzten nicht rechtens ist. Das führte zu einer Erhöhung der Pauschalen für die Kliniken. Weil laut Urteil die Gesamtausgaben nicht steigen dürfen, müssen die niedergelassenen Ärzte mit weniger auskommen. Sie erhalten zwar Notdienstpauschalen, müssen sich aber in Westfalen- Lippe mit 150 Euro monatlich an dem System beteiligen.

Neben der finanziellen Ausstattung moniert die DKG auch, dass die Notfallambulanzen zum "Lückenbüßer" für die eigentlich zuständigen Bereitschaftsdienste der niedergelassenen Ärzte würden. Ein Drittel der zehn Millionen Fälle könnte aus medizinischer Sicht von den Bereitschaftsdiensten übernommen werden. Dies führe aktuell zu langen Wartezeiten in den Kliniken. Auch in OWL klagen Ambulanzen darüber. Axel Dittmar, Sprecher des Klinikums Bielefeld, bestätigt, dass die Patientenzahlen "massiv zugenommen" haben.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) weist die Lückenbüßer-Behauptung für die Region zurück. Man gewährleiste eine flächendeckende Versorgung. 2011 hatte die KVWL auf ein zentrales System mit Notfallpraxen umgestellt. "Seither hat sich die Zahl der Patienten von 435.000 auf 700.000 fast verdoppelt", so eine Sprecherin. Dies belege, dass die Versorgung funktioniere.

Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, fordert, dass künftig Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gemeinsam eine Notfallversorgung aufbauen. "Einer allein kann das auf Dauer nicht sinnvoll leisten."

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