Gütersloh. Jan Ullrich fährt jetzt Tandem. Gemeinsam mit dem Gütersloher Ole Ternes. Der ist auch ehemaliger Radprofi, jetzt Unternehmer, und kümmert sich mit Ullrich um dessen Gegenwart und Zukunft.
Ihr gemeinsames Ziel: "Die Positionierung der Marke Jan Ullrich", wie Ternes es ausdrückt. Wer in diesem Promi-Manager-Duo lenkt und wer mehr in die Pedale tritt, ist dabei nicht grundsätzlich zu beantworten. Klar ist nur: Es soll weiter bergauf gehen.
"Für mich war es wichtig, das zu machen, was mir Spaß macht", sagt Ullrich. Er habe etwas finden müssen, um sich selbst wieder zu finden. Das sei nun mal der Radsport. Also fährt er Rad. "Das Drumherum ist Oles Geschäft. Er ist verantwortlich für die Organisation und das Wirtschaftliche."
Zurück in die Öffentlichkeit
Als Team positionieren sich die beiden in Gütersloh. Jan Ullrich war dort, geschäftlich. Ternes: "Es gibt Anfragen von Veranstaltern und Firmen, dazu von Fernsehsendern wie Sky oder ZDF, natürlich Printmedien. Das alles müssen wir koordinieren, entscheiden, was wir wann wo machen."
Dass es mittlerweile, knapp neun Jahre nach der spektakulären Suspendierung Ullrichs durch seinen damaligen Rennstall Team Telekom einen Tag vor dem Start der Tour France 2006 soweit ist, mag überraschen. Schließlich ist Ullrich seit 2012 vom Internationalen Sportgerichtshof CAS des Dopings überführt.
Jetzt rückt Ullrich wieder in die Öffentlichkeit. "Wenn ich zu Charity-Veranstaltungen komme, bringt das etwas. Wenn ich mit meinem Namen helfen kann, ist das eine tolle Sache", sagt Ullrich. Nun können Gastauftritte für wohltätige Zwecke nicht das Ziel der "Positionierung der Marke Ullrich" sein. "Natürlich müssen wir auch wirtschaftlich denken", sagt Ternes als Geschäftsführer der Firma "livewelt". Jan Ullrich wird gebucht, weltweit an 90 Tagen im Jahr. Jan Ullrich wird bezahlt. Als Star. Vom Betrüger zum Gutmenschen?
Ullrich wirkt stabiler als 2012
"Ob mein Name gut ist oder befleckt, müssen die Leute entscheiden. Ich dränge mich nicht auf, ich werde angefragt. Dabei kann ich nicht so viel falsch machen", sagt Ullrich beinahe mit einem Anflug von Selbstironie. "Fehler" habe er gemacht in der Vergangenheit. Natürlich die Besuche beim spanischen Dopingarzt Dr. Eufemiano Fuentes, inklusive Eigenblutdoping, wie er 2013 im Focus einräumte: "Ich wollte für Chancengleichheit sorgen."
Er sei dafür bestraft worden mit Fahrverbot und der Aberkennung seiner Titel nach dem 1. Mai 2005. Im Jetzt, in der Welt der Hobby- und ambitionierten Radfahrer, bekomme er "zu einhundert Prozent Positives". Die Kritiker, sagt der 41-Jährige, "kritisieren in verschlossenen Räumen. Natürlich weiß ich, dass sie das tun".
Wenn Ullrich spricht, wirkt er dabei zwar nicht wie ein ganz anderer Mensch als im Februar 2012, aber doch wie ein erheblich stabilerer, sichererer als bei seiner Vorstellung als Markenbotschafter der Bielefelder Dr.-Wolff-Gruppe und deren Marke Alpecin. Damals wirkte Ullrich fahrig, kam ins Schwitzen, jetzt zeigt er sich aufgeräumt.
Nicht zurück in den Profisport
Die Konfrontation mit seinen Kritikern hat er zu nehmen gelernt seitdem. Marcel Kittel hatte im August 2014 gegenüber der Zeit erklärt, er sei "stinksauer" auf Ullrich und dessen Fahrer-Generation. "Das ist in Ordnung, was soll Marcel jetzt sonst sagen? Alle waren enttäuscht. Marcel kann froh sein, in einer Generation zu fahren, die es anders angeht als meine es getan hat. Und er hat seine Zukunft noch vor sich."
Jan Ullrich ist offiziell nach wie vor der einzige deutsche Sieger der Tour de France: 1997. "Aber ich denke nicht: "Hoffentlich gewinnt kein Deutscher die Tour, damit ich der einzige bleibe"". Ironie der Geschichte: Kittel fährt als weltbester Sprinter jetzt gemeinsam mit Rundfahrer John Degenkolb für den Rennstall Giant/Alpecin.
Geschäftliche Ambitionen im so naheliegenden Bereich? "Ich habe mich aus dem Profiradsport zurückgezogen. Der braucht einen Jan Ullrich nicht. Dahin will ich auch gar nicht wieder zurück."
Zu seinen - überschatteten - Hoch-Zeiten, auf den Frankreich-Rundfahrten von 1996 bis 2005, wog Ullrich 71 Kilo, auf bis zu 40.000 Rad-Kilometer brachte er es pro Jahr. Jetzt wiegt er "so um die 80 Kilo", fährt rund 10.000 Kilometer. Angefeuert und angefeindet. "Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, ich kann nicht alle hinter mich bringen", sagt Ullrich.
Jan Ullrich privat
Geboren am 2. Dezember 1973 in Rostock.
Wohnort Scherzingen in der Schweiz.
Ullrich ist seit September 2006 mit Sara Steinhauser verheiratet. Die beiden haben drei Söhne, Max (7), Benno (4) und Toni (2). Aus seiner Beziehung mit Gabi Weis hat Ullrich Tochter Sarah Maria (11). Weis ist die Patentante von Max und Benno.