Löhne. Teppichboden statt PVC, die Fenster sollten möglichst geschlossen bleiben und die Milchglaselemente zum Flur hin sind verkleidet: Der Raum der Affenklasse in der Grundschule Gohfeld unterscheidet sich von allen anderen deutlich. Er ist schallgedämmt. Die gute Akustik ist für alle Erstklässler vorteilhaft, aber für ein Kind unbedingt notwendig, damit es das gesprochene Wort verstehen kann.
Johann (Name geändert) hat einen Hörschaden. Damit der Junge an einer Regelschule unterrichtet werden kann, trägt er ein Hörgerät und sein Klassenraum wurde speziell eingerichtet. Das alleine reicht aber nicht, damit der Schüler Heike Kütemeier verstehen kann.
Für Schüler mit Förderschwerpunkt Hören muss der Klassenraum schallgedämmt sein. Die Störquellen sind gering zu halten. Das Kind in Gohfeld ist mit einem Hörgerät ausgestattet. Durch die FM-Anlage, eine drahtlose Signalübertragungsanlage, werden die Worte der Lehrerin übertragen. Am „Sender“ (Mikro) werden die Tonsignale aufgenommen, in modulierte elektrische Funksignale umgewandelt und an den „Empfänger“ (Hörgerät) ausgestrahlt.
Dafür trägt die Klassenlehrerin immer ein kleines Gerät in ihrer Hosentasche und hat sich ein Mikrofon an den Kragen ihres grünen Pullis geknipst. Das ist eine kabellose FM-Anlage (siehe Infokasten). "Meine Worte werden direkt auf das Hörgerät des Kindes übertragen", erklärt Kütemeier.
Johann ist der einzige Schüler mit Förderbedarf, der die Grundschule Gohfeld besucht. "Einzelintegration", nennt es Barbara Steffen vom Schulamt. Das bleibt aber nicht so: Im Schuljahr 2016/17 soll an der Schule gemeinsames Lernen eingerichtet werden. Und zwar mit dem Förderschwerpunkt Hören, beschloss der jüngste Schulausschuss einstimmig.
Das neunte Schulrechtsänderungsgesetz ist im August des vergangenen Jahres in Kraft getreten. Damit erhalten Kinder mit einem Förderbedarf Anspruch auf gemeinsames Lernen an einer Regelschule. Die Eltern können somit auswählen, welche Schule ihr Kind besuchen soll (Regelschule oder Förderschule). Das Gesetz stellt die Schulen vor eine Herausforderung. Denn bisher gibt es in Löhne nur eine Grundschule, die für gemeinsames Lernen ausgerichtet ist.
Die Grundschule Löhne-Ort praktiziert das Konzept im vierten Jahr. "Die ersten Kinder wechseln nach diesem Schuljahr auf die weiterführenden Schulen", sagt Schulleiterin Friederike Kollmeyer. 20 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen die Grundschule, drei Sonderpädagogen kümmern sich um deren Förderung. Viel mehr Kinder könne die Schule nicht aufnehmen. "Der Bedarf wird größer, wir brauchen mehr Schulen des gemeinsamen Lernens in Löhne", so Kollmeyer.
Darauf geht das Schulamt ein. Ab kommendem Schuljahr wird die Grundschule Mennighüffen-Ost zur Schule des gemeinsamen Lernens mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. "Wir sind barrierefrei", sagt Schulleiter Bodo Scheron. Die Schule hat einen Eingang ohne Stufen und auch einen Fahrstuhl. Damit das Kollegium auf die neue Aufgabe vorbereitet wird, stehen Fortbildungen an. Scheron: "Wir brauchen aber auch spezielles Fachpersonal."
In Gohfeld wird Inklusion schon gelebt. Wenn es in der Affenklasse zum Vorlesen geht, setzten sich die Kinder in einen Stuhlkreis. Dabei bleibt der Platz neben Lehrerin Kütemeier immer frei. Dort setzt sich dann das Kind hin, das aktuell vorliest. Jetzt ist Emre an der Reihe. Während der Erstklässler das Buch zur Hand nimmt und die ersten Sätze laut liest, hält Kütemeier dem Jungen das kleine Mikro vor den Mund. Nur so kann Johann hören, was Emre liest.
"Die FM-Anlage bringt das Kind selbst mit", klärt Schulleiterin Christine Röder auf. Die Umgestaltung des Klassenraums hat die Stadt Löhne finanziert. Rund 12.000 Euro hat das gekostet. Dafür wurden nicht nur die Milchglaselemente zum Flur hin verkleidet und Teppich verlegt, sondern auch die Decke mit einem besonderen Schallschutz ausgestattet.
Und der Unterschied ist deutlich zu hören. Trotz Durcheinanderrufen der Kinder - der Fototermin war einen Tag vor den Osterferien terminiert - war es erträglich. Im Klassenraum nebenan sind die Kinderstimmen viel höher und schriller zu hören. Das bestätigen auch die Lehrer. Ansonsten wäre der Unterricht mit Johann genau gleich, sagt Kütemeier. "Ich muss aber darauf achten, dass die Fenster und die Türen zu sind und Johann braucht die Lichtquelle im Rücken." Das sei wichtig, damit Johann nicht geblendet wird und notfalls auch von Kütemeiers Lippen ablesen kann. "Außerdem haben wir Handmikros beantragt", so Kütemeier. Damit wäre der Unterricht noch flexibler zu gestalten.
Schulsozialarbeit
Drei Grundschulen sollen bald als Schulen des gemeinsamen Lernens ausgewiesen werden. Die Grundschule Löhne-Ort ist seit 2011/12 dabei, Mennighüffen-Ost folgt mit dem Förderschwerpunkt KME (Körperliche und motorische Entwicklung) ab dem kommenden Schuljahr und Gohfeld mit dem Schwerpunkt Hören 2016/17.
Anschließend können Kinder mit Förderbedarf auf die Bertolt-Brecht-Gesamtschule wechseln (dort gibt es gemeinsames Lernen in der Sekundarstufe I seit 2013/14). Auch die Städtische Realschule nimmt ab dem kommenden Schuljahr Förderschüler auf. Dafür benötigt Schulleiter Hans-Rainer Krahe die Unterstützung eines Sozialarbeiters. Die Voraussetzungen dafür prüft nun die Verwaltung. Das hatte der jüngste Schulausschuss einstimmig beschlossen.
Auch ein Konzept soll erarbeitet werden. Schuldezernent Ulrich Blomenkamp: „Da die Schulsozialarbeit an der Hauptschule durch dessen Schließung nicht fortgesetzt wird, können wir die Ressourcen umsteuern.“