Gütersloh. Beklommen geht eine Besucherin die Gräberreihen am Friedhof Unter den Ulmen entlang. Seit knapp acht Monaten befürchtet sie Tag für Tag das Schlimmste beim Besuch am Grab ihres Mannes. Verwüstung, gestohlene Blumenkränze und Schalen, herausgerissene Pflanzen - und einmal habe man ihr sogar die gesamte Pinienerde vom Grab ihres Mannes geklaut. Auf den Gütersloher Friedhöfen sei das kein Einzelfall, bestätigt Friedhofsverwalterin Rosemarie Vertkersting.
"Gerade jetzt im Frühjahr, aber auch im Herbst, häufen sich die Vorfälle", berichtet Vertkersting, "immer, wenn neu gepflanzt wird." Das gelte sowohl für die Anlage "Unter den Ulmen" als auch für den Johannesfriedhof. Oft haben es die Diebe auf die frische Bepflanzung abgesehen. Diese wird samt Wurzelwerk ausgegraben und mitgenommen. "Vermutlich wachsen die Pflanzen jetzt in Privatgärten", spekuliert Vertkersting. In seltenen Fällen komme es auch dazu, dass einzelne Gräber regelmäßig bestohlen werden. Auffällige Schalen und Grabschmuck würden die Diebe anlocken.
Auch für den Klau der Pinienerde, die häufig als oberste Schicht auf der Graberde liegt, kann sie sich eine Verwendung vorstellen: "Sie liegt bestimmt auf einem anderen Grab. Was soll man sonst damit machen?" Die Geschädigte, die namentlich nicht genannt werden möchte, ist verzweifelt. Sie habe aufgehört, die Vorfälle zu zählen, doch neunmal sei es mindestens passiert. Vor kurzem erstattete sie Anzeige auf Zureden ihrer Verwandten - sie selbst mache sich aber keine Hoffnung.
Auch damit sei sie kein Einzelfall, vermutet Polizeisprecher Andreas Isenbort. Das Delikt "Störung der Totenruhe" findet er im Archiv der Polizei Gütersloh äußerst selten, wobei ihn das nicht wundert. "Ich kann mir gut vorstellen, dass die wenigsten das anzeigen wollen, denn der materielle Schaden ist meist eher gering." Seiner Erfahrung schrecken die Menschen zudem vor Anzeigen gegen Unbekannt zurück. Sie machen sich wenig Hoffnung, dass es etwas nützt.
Die Friedhofsverwalterin bestätigt das Verhalten. Aus ihrer Gemeinde, St. Pankratius, melden sich in der jeder Pflanzsaison mindestens zehn Personen mit solchen Vorfällen - zur Polizei wollen sie jedoch nicht. Vertkersting: "Ich rate ihnen dazu, auch wenn ich weiß, es kommt nichts dabei heraus." Somit bleiben der Polizei die Hände gebunden, denn nur über die Rückmeldungen aus der Bevölkerung wissen die Beamten, wo sie ansetzen sollen. Isenbort: "Selbst bei vagem Verdacht sollte man sich bei uns melden."
Abhilfe
Gegen Langfinger an Gräbern hat Friedhofsverwalterin Rosemarie Vertkersting ein Mittel zur Selbsthilfe getestet. Für ein besonders häufig geplündertes Grab schrieb sie eine Botschaft an die Diebe auf ein Schild. „Darauf stand, dass die Pflanzen nur für die Toten bestimmt sind.“ Die Aktion wirkte: „Nach über drei Jahren war Schluss mit den Diebstählen.“