Gütersloh (nw). Die Pflegebranche in Deutschland kämpft mit dem Fachkräftemangel. Einer heute veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sind in 60 Prozent der Pflegebetriebe im Schnitt 4,3 Stellen unbesetzt. Trotzdem wagen wenige Arbeitgeber den Blick ins Ausland. Grund seien hohe bürokratische Hürden. Doch da widersprechen die staatlichen Vermittler.
Die Forscher der Stiftung haben knapp 600 Arbeitgeber im Pflegebereich befragt. Drei von vier Pflegebetrieben, die vakante Stellen haben, bezeichnen die Suche nach geeigneten Fachkräften als schwierig. Gerade einmal 16 Prozent der Betriebe suchen dabei im Ausland. Lieber werben sie Personal von der Konkurrenz ab (20 Prozent) oder versuchen, den Krankenstand abzusenken (83 Prozent).
Als Gründe dafür führen die Firmen an, auf hohe rechtliche Hürden zu treffen. Fachkräfte aus dem Ausland müssten ihre Qualifikation nachweisen. „Das ist häufig schwierig, weil die Ausbildung in einigen Ländern akademischer und weniger praktisch ist als in Deutschland“, sagt Ulrich Kober, Experte bei der Bertelsmann-Stiftung.
Spanien ist laut Studie das Land, in dem die Pflegebranche in den vergangenen drei Jahren am häufigsten Pflegekräfte rekrutiert hat.
Dort waren 61 Prozent aller Unternehmen mit internationaler Rekrutierungserfahrung aktiv.
Dahinter folgen Polen (19 Prozent), Kroatien (16 Prozent), Rumänien (14 Prozent), Italien (13 Prozent).
Oft müssten zudem Kosten für den Erwerb ausreichender Sprachkenntnisse – vergleichbar mit dem Stand der Englischkenntnisse eines Abiturienten in Deutschland – übernommen werden. „An der Pflegebranche wird deutlich, wie weit Deutschland von einer gezielten und am Arbeitsmarkt orientierten Einwanderungspolitik entfernt ist“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.
Das Argument der bürokratischen Hürden lässt Beate Raabe, Pressesprecherin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung bei der Bundesagentur für Arbeit, nicht pauschal gelten. „Die Tür für ausländische Pflegekräfte ist schon recht weit offen, was die allgemeine Arbeitsmarktzulassung angeht“, sagt sie. Während der Wartezeit auf die berufliche Anerkennung könnten die Pflegekräfte schon als Pflegehilfskräfte Praxiserfahrungen in Deutschland sammeln und ihre Deutschkenntnisse vertiefen. Fortgeschrittene Deutschkenntnisse seien im Arbeitsalltag unabdingbar, im Gespräch mit den Patienten ebenso wie bei der Dokumentation.
Weiterer interessanter Punkt: Deutschland sei zwar attraktiv für ausländische Fachkräfte in technischen Berufsfeldern, in den Pflegeberufen aber nicht. Zumindest nicht mehr als andere Länder. Von daher könne die Investition in Sprachkenntnisse auch einer qualifizierten Pflegekraft aus dem Ausland das Interesse des Pflegebetriebs signalisieren.
Das Pflegeministerium in NRW wiederum beurteilt die Anwerbung im Ausland kritisch. Die Lösung für den Pflegenotstand „kann nicht in Übersee gefunden werden“, heißt es in einer Mitteilung, auf die Ministeriumssprecher Christoph Meinerz verweist. Die Pflegeversicherung müsse stärker an den Ausbildungskosten beteiligt werden. Das sei Aufgabe des Bundes.
Die „bürokratischen Hürden“, die Unternehmen kritisierten, sehe das Ministerium jedoch in jedem Fall als „zwingende inhaltliche Voraussetzung“ für qualifizierte Pflegearbeit, sagt Meinerz. Vor allem aber müssten das Image und die Arbeitsbedingungen verbessert werden.
Kommentar: Adoption mit Hindernissen
Von Christine Panhorst
Wollen heimische Firmen ausländische Arbeitskräfte beschäftigen, steht ihnen eine Art berufliches Adoptionsverfahren bevor – langwierig, nervenaufreibend, mit unbestimmtem Ausgang. Ist ein Bewerber im Ausland in Eigeninitiative gefunden, werden Abschlüsse womöglich nicht anerkannt, und bürokratische Hürden bringen zum einen die Personalpolitik ins Stolpern, zum andern vielversprechende Bewerber so aus dem Konzept, dass sie lieber weiterziehen.
Und dann sind da noch die Sprachkenntnisse, die unter Umständen verbessert werden müssen; Nachschulungen müssen ebenfalls sein. Alles auf Firmenkosten. Und eingearbeitet werden will der neue Angestellte natürlich auch. Endlich.
Dass Arbeitgeber – vor allem, aber nicht nur in der Pflegebranche – vor einer solch schweren Geburt zurückschrecken, ist verständlich. Hier zeigt sich eine unternehmerische Gefühlslage, die sich Deutschland nicht leisten kann. Es es Zeit für Geburtshilfe durch den Bund.