Bielefeld. Sie ist eine der Geißeln der modernen Gesellschaft: die Alzheimer-Krankheit. Bislang standen ihr die Mediziner hilflos gegenüber. Jetzt verkünden zwei Pharmaunternehmen Erfolge im Kampf gegen das Vergessen. Doch ist eine Euphorie bereits gerechtfertigt?
Die Studien, die von den Firmen Eli Lilly und Biogen auf dem Washingtoner Alzheimer-Kongress vorgestellt wurden, lassen Hoffnung aufkeimen. Einige Forscher reden von einem Durchbruch. Zum ersten Mal sei es möglich, die Ursache der Krankheit anzugehen. "Denn das ist genau das, was uns bisher völlig fehlt", sagt Wolfgang Schmidt-Barzynski, Chefarzt der geriatrischen Klinik an der Rosenhöhe in Bielefeld. "Bislang können wir nur Symptome bekämpfen."
Die Wirkstoffe Solanezumab (Eli Lilly) und Adecanumab (Biogen) arbeiten mit dem gleichen Prinzip: Antikörper attackieren die Eiweißplaques (Amyloidbeta), die die Kommunikationsstellen im Gehirn blockieren. Damit ließe sich Alzheimer zwar nicht heilen, aber deutlich verlangsamen. Laut Ely Lilly wird der Gedächtnisverlust um bis zu ein Drittel gebremst. Beide Studien kamen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen zu positiven Resultaten. Einzige Voraussetzung: Die Krankheit muss in einem sehr frühen Stadium behandelt werden.
Das Echo ist groß. Heidelberger Forscher sehen erstmals einen Nachweis, dass eine Antikörper-Therapie helfen kann. Doch ist es tatsächlich der Durchbruch, auf den Millionen Patienten weltweit warten?
Christian Leibinnes, Sprecher der Alzheimer-Forschung Initiative e. V. (AFI) in Düsseldorf, kennt die Bemühungen der Vergangenheit. Für ihn sind die neuen Wirkstoffe "zwar noch kein Durchbruch, aber zumindest eine leise Hoffnung". Um von einem Durchbruch zur reden, sei es noch zu früh. "Dafür braucht es erst große Studien über längere Zeit", sagt Leibinnes, der sich erinnert, dass bereits andere vielversprechende Medikamente am Ende nicht weiterhalfen. Die AFI fördert Forschungsprojekte an Universitäten. Mit der Pharmaindustrie ist sie nicht verbunden.
Auch Wolfgang Schmidt-Barzynski spricht nur von Hoffnung. "Der Nachweis eines durchschlagenden Erfolgs fehlt mir noch." Der Chefarzt sieht den Einsatz von Antikörpern auch kritisch: "Das ist ein massiver Eingriff ins Immunsystem, und noch weiß niemand, was der langfristig für Nebenwirkungen hat."
Die Fachwelt streitet auch, welches Protein Alzheimer verursacht. Ist es Amyloidbeta oder doch das Tau-Protein? Auch für die zweite Variante gibt es noch kein wirksames Medikament. Sollte die Entwicklung von Solanezumab vorankommen, wäre in drei bis fünf Jahren mit einem Medikament zu rechnen. Bei Adecanumab dürfte es länger dauern, da sich die Entwicklung noch in der Frühphase befindet.
Die Hilflosigkeit hat den Fokus auf die Vorbeugung gelenkt. "Man kann in Sachen Prävention tatsächlich etwas tun", sagt Christian Leibinnes. Günstig wirkten sich offenbar viel Bewegung, ausreichend Schlaf, eine mediterrane Ernährung und das Pflegen sozialer Kontakte aus. Auch eine vernünftige Vorsorge (Herz/ Kreislauf, Cholesterin, Diabetes) sei wichtig. Und geistige Fitness. "Da geht es allerdings nicht darum, täglich Kreuzworträtsel zu lösen. Das Gehirn profitiert eher, wenn man etwas Neues wie Sprachen lernt."
Doch lassen sich Eiweißablagerungen durch Denken aufhalten? "Das Gehirntraining stoppt nicht die organischen Veränderungen, aber man baut im besten Fall eine kognitive Reserve auf." Das Gehirn könne auf gesunde, trainierte Areale ausweichen. "Das ist umso wichtiger, weil erste Veränderungen bis zu 20 Jahre vor den ersten Symptomen auftreten."
Womit die Wissenschaft am Knackpunkt angekommen wäre: Die vielversprechenden Präparate schlagen nur im Frühstadium an. "Doch die Früherkennung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer ist das größte Defizit in der medizinischen Praxis", sagt Chefarzt Schmidt-Barzynski.
Die AFI unterstützt ein Projekt des Wissenschaftlers Max Holzer von der Universität Leipzig. Er entwickelt einen Bluttest, der eine Frühdiagnose ermöglichen soll. Bei Probanden mit Alzheimer in fortgeschrittenem Stadium erreichte der Test eine hohe Aussagekraft. Jetzt wollen die Forscher prüfen, ob das Verfahren auch im Frühstadium funktioniert.
Die Pharmaindustrie wird in jedem Fall weiter Druck machen und nach einem Medikament suchen. Der Markt für das Präparat wäre riesig. Die UN erwartet bis 2050 rund 150 Millionen Alzheimer-Kranke.