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Bielefeld

Das Trauma nach dem Attentat

Bielefeld. Eben noch beging die Grande Nation ihren Nationalfeiertag, in zahlreichen Städten Frankreichs tanzten Hunderttausende Menschen auf den Straßen. Feuerwerke wurden gezündet. Die unbeschwerte Freude sollte die ganze Nacht andauern, so auch in Nizza, der mondänen Kulturmetropole an der Côte d’Azur.

Die ausgelassene Stimmung schlägt um in Panik und blankes Entsetzen, als ein 31-jähriger Mann ohne Vorwarnung mit einem Lkw in die Menge rast, die sich auf der berühmten Uferstraße Promenade des Anglais am Mittelmeer versammelt hat.

Welche Eindrücke hinterlässt ein solches Ereignis bei denen, die Augenzeugen des Geschehens sind? Die womöglich nur ganz knapp ihr eigenes Leben vor dem heranbrausenden Transporter in Sicherheit bringen konnten?

Verena Ertl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bielefeld, umschreibt die akute Reaktion so: „Das löst eine natürliche Alarmreaktion im Körper aus. Und das ist auch gut so." Denn die Ausschüttung von Stresshormonen oder das Hochfahren des Blutdrucks helfe zunächst einmal, die Situation vor Ort selbst zu überstehen.

Doch: „Je öfter das passiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit langfristiger Schäden", sagt die Psychologin im Gespräch mit dieser Zeitung. Etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen, die ein solches Ereignis miterlebten und im Leben zuvor bereits ähnliche Erfahrungen machen mussten, erholten sich nur schwer davon. Eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung sei dann zumeist die Folge.

„Es kann soweit gehen, dass man sich ins Trauma zurückversetzt fühlt und sich auch so verhält", berichtet Ertl. Diese Verhaltensweise werde in der Regel in der Familie oder auch am Arbeitsplatz bemerkt. Symptome einer solchen Störung seien zum Beispiel eine stärkere Reizbarkeit oder Veränderungen in der Weltsicht.

Das könne sogar so weit führen, dass Betroffene meinen: „Ich fühle mich nicht mehr wert zu leben." Die Überlebenden einer solchen Tat entwickeln das subjektive Gefühl, eine Schuld zu tragen – daran, dass ausgerechnet sie überlebt haben, analysiert die Bielefelder Psychologin.

Eine weitere Folge der posttraumatischen Belastungsstörung könne die sich entwickelnde Überzeugung sein, dass man niemandem mehr trauen könne. Getreu der vermeintlichen Erkenntnis: „Jeder könnte ein Terrorist sein." Ertl empfiehlt jedem, der ein solches Erlebnis verarbeiten muss, den Verlauf der posttraumatischen Belastungsstörung genau im Blick zu behalten. „Das kann unbehandelt chronisch werden."

Natürlich müsse jedem, der in eine traumatische Situation geraten sei, Zeit gegeben werden, sich zu erholen. Eine akute Belastungsstörung dauere etwa vier Wochen. Wenn es aber länger als drei Monate dauert, bis ein Betroffener das Trauma überwunden hat, gehen Psychologen von einer chronischen Erkrankung aus. In solchen Fällen sei es ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen, sagt Ertl. Die Expertinnen und Experten der Uni Bielefeld haben viele Erfahrungen auf diesem Gebiet.

„Wir behandeln zum Beispiel Flüchtlinge, die mittlerweile schon 10 bis 15 Jahre aus dem Kriegskontext heraus sind", berichtet Ertl. Ihre Erfahrung sagt, dass keiner der Patienten eine posttraumatische Belastungsstörung nur aufgrund einer einzigen Erfahrung im Leben entwickele. In der Regel haben Menschen zumindest schon ein weiteres traumatisches Erlebnis gemacht, bevor sie eine solche Störung entwickeln.

Diese Spuren gilt es in der Therapie zu verfolgen, so Ertl, denn: „Von alleine geht das nicht weg." Deshalb werde in den Therapiegesprächen mit den Patienten jede einzelne traumatische Situation des Lebens im Detail aufgearbeitet. „Mit allen Begleiterscheinungen." In solchen Gesprächen komme dann zum Beispiel auch in der Kinderzeit erfahrene etwaige Gewalt im Elternhaus wieder zur Sprache.

Aber ein solcher Prozess sei nötig, damit die Belastungen aufgearbeitet werden könnten. „Posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln ein ganzes Cluster von Symptomen." Dazu gehörten auch Alpträume oder Momente des Wiedererlebens. „Körper und Psyche reagieren in solchen Situationen ganz stark", weiß Ertl. Das könne etwa dann passieren, wenn einfach nur eine Tür laut zuschlage und ein Mensch dann Assoziationen zu einer Situation bekomme, in der er schon einmal Zeuge von Schüssen geworden sei.

Nicht zu verwechseln ist die posttraumatische Belastungsstörung übrigens mit der sogenannten „German Angst", einem Begriff, der in die Forschung Eingang gefunden hat und eine diffuse Furcht vor bestimmten Menschengruppen oder Situationen umschreibt. Wenn sich solche Ängste verselbstständigen, mahnt Ertl, könne das zu irrationaler Abgrenzungen etwa gegen Muslime oder Bartträger kommen.

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