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Bielefeld

Antibiotika werden auch in NRW oft ungeprüft verschrieben

Ein einfacher Test bei Infektionen könnte Resistenzen verhindern helfen

Bielefeld. Ärzte verordnen einer Studie zufolge Antibiotika fast immer, ohne vorher ihre Wirksamkeit zu klären. In 95 Prozent der Fälle werde vor einer Antibiotika-Verordnung kein sogenanntes Antibiogramm zur Absicherung der Wirksamkeit durchgeführt, sagt Dirk Janssen, stellvertretender Vorstandschef des Landesverbands Nordwest der Betriebskrankenkassen (BKK). „Es wird falsch verordnet – so falsch, dass die Gesundheit von Patienten gefährdet wird."

Für die Studie haben die BKK-Landesverbände Nordwest und Mitte mit rund sieben Millionen Versicherten in 13 Bundesländern ihre Abrechnungsdaten analysiert. Von Anfang 2014 bis Mitte 2015 bekamen 1,7 Millionen Versicherte Antibiotika verschrieben. Nur bei 3,6 Prozent davon sei vorher ein Antibiogramm erstellt worden. Dabei wird per Abstrich getestet, gegen welches Antibiotikum die Bakterien empfindlich oder gegebenenfalls resistent sind. Die Vermehrung von multiresistenten Keimen durch unnötige Einnahme von Antibiotika und die Verschlimmerung der Infektion könnten so begrenzt werden.

Das Ergebnis liegt aber erst 48 Stunden später vor, eine Zeitspanne, die oft zu lang ist. Wenn Schmerzen plagen, möchten die Patienten baldige Linderung und natürlich möchten die Ärzte schnell helfen. Trotzdem sei es sinnvoll, parallel den Antibiotika-Resistenz-Test zu machen, sagt Janssen. „Im besten Fall sichert der Arzt seine Verordnung dadurch ab. Sollte das Antibiotikum nicht wirken, kann wenigstens nach zwei Tagen das passende verschrieben werden." Vergebliche Versuche mit weiteren Antibiotika würden dadurch entfallen. Die BKK engagiert sich deshalb dafür, Antibiogramme zur Pflicht zu machen.

„Die Idee ist überlegenswert", sagt Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer OWL. Viel wichtiger sei aber die Erfahrung des Arztes. Antibiotika sollten nur verschrieben werden, wenn es wirklich notwendig ist. „Bei einer Nagelbettentzündung muss das zum Beispiel nicht sein, bei einer schweren Mandelentzündung schon", sagt Windhorst.

Für ein Antibiogramm bezahlen die Krankenkassen 5,40 Euro, allerdings können bis jetzt nur Fachärzte den Test abrechnen. Allgemeinmediziner müssten die Tests unter den allgemeinen Praxisausgaben verbuchen. „Wird der Test verpflichtend, müsste er aber auch für alle voll bezahlt werden", sagt Dirk Janssen.

Verschreibungen in NRW

Die Ärzte in Nordrhein-Westfalen verschreiben ihren Patienten besonders häufig Antibiotika. Das zeigt eine Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) für ihren Gesundheitsreport 2015. Danach bekam jede Erwerbsperson in NRW rechnerisch 5,8 Tagesdosen. Im Vergleich der Bundesländer ist das der höchste Wert. Der Bundesdurchschnitt beträgt 5,0 Tagesdosen. Für NRW wurden die Daten von rund einer Million TK-Versicherten zwischen 15 und 64 Jahren für 2014 ausgewertet.

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