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Ärztin aus Bethel hilft Bedürftigen

Bielefeld. „Mir geht es gar nicht gut", klagt Uwe Steins. Der 51-Jährige hat in der Kavalleriestraße in Bielefeld die Arztpraxis auf vier Rädern „Streetmed" entdeckt. Und er ergreift die Gelegenheit beim Schopf, sich in der Sprechstunde vorzustellen.

Seit 20 Jahren fährt die Bethel-Ärztin Barbara Kroll mit dem umgerüsteten Wohnmobil quer durch Bielefeld und sucht die Plätze und Einrichtungen auf, wo sich obdachlose, abhängige oder arme Menschen aufhalten. Die aufsuchende Gesundheitsfürsorge für Menschen in besonderen Lebenslagen wurde 1996 von Bethel ins Leben gerufen.

Viele Jahre hat Uwe Steins harte Drogen konsumiert. Mittlerweile hat er seine Rauschgiftsucht in den Griff bekommen. Aber Körper und Psyche haben unter dem Missbrauch Schaden genommen. Obwohl er seit Längerem unter Beschwerden leidet, ist Uwe Steins bisher nicht zum Arzt gegangen. Und damit ist er nicht alleine.

Die meisten Patienten von Barbara Kroll meiden „normale" Praxen. „Sie schämen sich für ihre Lebensumstände. Aber sie haben auch Angst vor eventuellen Zusatzkosten, die sie sich nicht leisten können", erläutert Barbara Kroll.

Misstrauen der „Berber" abgebaut

Einige ihrer Patienten leben unter katastrophalen Bedingungen – schlafen draußen oder schlüpfen bei Bekannten in heruntergekommenen Wohnungen unter. Ihre Gesundheit und die Körperhygiene sind dementsprechend vernachlässigt.

Vor allem Karzinome im Mund- und Rachenraum kommen häufig vor. „Das sind die Folgen des Konsums von hartem Alkohol in Verbindung mit Tabak", erläutert Barbara Kroll. Um die Menschen mit einer todbringenden Erkrankung als Hausärztin weiterhin kompetent behandeln zu können, hat sie eine Zusatzqualifikation in Palliativmedizin erworben.

Zusammen mit dem Palliativnetzwerk Bielefeld versorgt sie die Menschen hospizlich und palliativ dort, wo sie es sich wünschen – auch in der Notunterkunft. Für dieses Engagement wurde das Projekt Streetmed 2014 mit dem zweiten Preis der Deutschen Hospiz- und Palliativ-Stiftung ausgezeichnet.

Streetmed ist ein niederschwelliges Angebot. Die Tür zur Arztpraxis im Wohnmobil steht offen, und der ein oder andere Patient kommt mit der Bierflasche in der Hand in die Sprechstunde. An solchen Äußerlichkeiten hält sich die Ärztin nicht auf.

„Meine Patienten und ich haben ein ganz vertrauensvolles Verhältnis. Wir führen sehr offene Gespräche", betont Barbara Kroll. Erst mit der Zeit hätten sich die Menschen ihr gegenüber geöffnet, sagt sie. Als sie vor zwanzig Jahren die ersten Kontakte zur Szene knüpfte, schlug ihr noch ein eiskalter Wind entgegen.

Mehrere Monate suchte sie mit einer Kollegin und einer Sozialarbeiterin Garagen, Brücken und Parks auf, um das Misstrauen der „Berber" abzubauen. Erst nach vielen Gesprächen, waren sie bereit, Hilfen zu akzeptieren.

Mittlerweile ist Streetmed eine Instanz. Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, soziale Dienste und Pflegedienste stehen mit der aufsuchenden Gesundheitsfürsorge aus Bethel in engem Kontakt.

Seit einigen Monaten teilt sich Barbara Kroll die Streetmed-Stelle mit einer Krankenschwester. Sarah Gevers arbeitete zuvor in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen im Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB). Viele Streetmed-Patienten sind ihr deshalb bekannt.

„Das Projekt Streetmed fand ich schon immer spannend. Mein Arbeitsschwerpunkt ist jetzt die Nach- und Weiterbehandlung zum Beispiel von Wunden, aber auch die Förderung der Selbstfürsorge der Patienten", so Sarah Gevers.

Die 34-Jährige Sarah Gevers wird auch für einen reibungslosen Übergang sorgen, wenn Barbara Kroll 2018 in die Freistellungsphase der Altersteilzeit geht. Sie hinterlasse einen Traumjob für ihre Nachfolgerin oder ihren Nachfolger, unterstreicht die Ärztin.

„In welcher Praxis kann man so lange und intensiv mit den Patienten reden, wie in der Streetmed-Sprechstunde? Hier lernt man die Menschen noch in ihrer Ganzheit kennen. Das ist eine zutiefst erfüllende Aufgabe", so Barbara Kroll.

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