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Bielefeld

Kommerz im Profifußball bedroht deutsche Fankultur

1. Bundesliga: Die erneute Ausweitung der Anstoßzeiten steht im Konflikt mit der Amateurszene. Der Bielefelder Forscher Zick warnt vor der Tendenz

Peter Burkamp, Katharina Georgi, Martin Fröhlich

Bielefeld. Rekordtransfers, Rekordeinnahmen, Rekordeinschaltquoten – der Fußball scheint sich auf Erfolgskurs zu befinden. Doch viele Fans sehen das anders. Sie werfen den Vereinen hemmungslose Kommerzialisierung vor. Das wird am aktuellen Beschluss, Spiele auf den Sonntagmittag zu terminieren, deutlich. Der Bielefelder Forscher Andreas Zick warnt deshalb: „Fans kann man nicht kaufen".

Zuletzt entzündete sich die Kommerzkritik an RB Leipzig, dem Klub des österreichischen Milliardärs Dietrich Mateschitz. Sitzblockaden und Protestmärsche gegnerischer Fans sind das Ergebnis. Zugleich plant FIFA-Chef Gianni Infatino, die WM auf 48 Nationen auszuweiten. Die EM wurde bereits aufgestockt.

Nun folgt der nächste Einschnitt. Laut Medienberichten hat der DFB dem Plan der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zugestimmt, ab der Saison 2017/18 auch sonntags um 13.30 Uhr Partien anzusetzen. Bislang war das zum Schutz des Amateurfußballs ausgeschlossen. Zunächst sollen fünf Partien pro Saison betroffen sein.

Nicht nur für den Amateurfußball kann das zum Problem werden. Der Sonntagmittag ist im Profibereich bislang der Zweiten Liga vorbehalten. Gerrit Meinke, Geschäftsführer bei Arminia Bielefeld, warnt: „Eine weitere Zerstückelung des Spieltages halte ich für bedenklich. Aus meiner Sicht haben wir eine Grenze erreicht." Allerdings gehe er davon aus, dass sonntags um 13.30 Uhr keine hochattraktiven Spiele angesetzt werden. „Selbst wenn, glaube ich, dass für unsere Fans Arminia immer vorgeht."

Philipp Köster, Bielefelder und Chefredakteur des Magazins 11 Freunde, sieht das noch kritischer: „Der Anstoßtermin am Sonntagmittag ist eine bodenlose Frechheit und zeigt, wie rücksichtslos der Profifußball seine Interessen auf dem Rücken der Amateure durchsetzt", sagte er gegenüber dieser Zeitung. Bisher hätten sich Amateurklubs am Sonntagmittag gewiss sein können, nicht gegen den Fernsehfußball antreten zu müssen. „Es war Konsens, dass der Fußball beides braucht – Profis und Amateure. Dieses Solidarprinzip wird nun endgültig aufgekündigt."

Andreas Zick, Sozialpsychologe an der Universität Bielefeld und Berater der DFL, sieht, dass sich Vereine und Fans immer weiter voneinander entfernen. „Wo viel Geld im Spiel ist, entkoppelt sich der kommerzielle Fußball von der Fankultur", erklärt er im Interview mit dieser Zeitung. Fankultur könne nicht allein davon leben, dass ein Verein ein gigantisches Wirtschaftsunternehmen ist.

Kommentar: "Fankultur reagiert"

von Martin Fröhlich

Der Unkenruf ist seit Jahren zu hören und wird lauter: Die Kommerzialisierung macht den Fußball kaputt. Die Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, sonst nix. Milliardäre stampfen Retortenklubs aus dem Boden und ziehen an überschuldeten Traditionsvereinen vorbei. Ortsderbys bestreiten Spieler von sonst woher. Die Anstoßzeiten sind der Willkür der Mächtigen ausgesetzt. Dahin ist die Zeit der Neun-Spiele-Konferenz am Samstag um 15.30 Uhr, als das Fußballwochenende Monate im Voraus planbar war. Was der leidenschaftliche Fan, der immer tiefer in die Tasche greifen muss für die Tickets, was der will, das interessiert keinen mehr.

Wenn Sie seit Jahrzehnten Säule einer Fankurve sind und vielleicht selbst kicken, dann haben Sie alles Recht dieser Fußballwelt, so zu argumentieren. Niemand darf es Ihnen übelnehmen, wenn Sie aus Protest eine Halbzeit lang im Block schweigen oder auf eine Auswärtsfahrt mal ganz verzichten. Doch geben Sie sich nicht der Illusion hin, dass deswegen alles bleibt, wie es ist.

Dieser Wunsch zieht sich durch den Fußball, seit aus Amateuren Profis wurden. Seit das Geld Einzug hielt, seit das Fernsehen überträgt, seit Legionäre in der Bundesliga spielen, seit es die Champions League gibt und seit Stadien für Sponsorengeld umbenannt werden. All das ist passiert und die Stadien sind immer noch voll. Fankultur ist genauso lebendig wie das Geschäft Fußball. Sie wird konstruktiv reagieren und das Beste draus machen. Dann gehen eben mehr Familien ins Stadion. Sind sie die schlechteren Fans?

Davon abgesehen: Wenn Ihr Amateurspiel zeitgleich mit dem Sonntagsspiel ihres Lieblingsvereins angesetzt ist, dann treffen Sie eine Entscheidung: Gehen Sie selbst kicken!

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