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Köln

Am Sonntag läuft der 1.000. "Tatort"

Köln. Ungefähr zu der Zeit, als Neil Armstrong auf dem Mond landete und Willy Brandt Bundeskanzler wurde, spazierte der WDR-Dramaturg Günther Witte mit seinem Vorgesetzten Günter Rohrbach durch den Stadtwald von Köln. Wie sich herausstellte, hatte der Fernsehspielchef einen besonderen Auftrag für ihn: Witte sollte eine Krimireihe erfinden. Dass diese Reihe im fernen Jahr 2016 ihre 1.000. Folge erleben würde, habe er sich natürlich nicht träumen lassen. Doch am 13. November kann sich der heute 81-jährige Witte nun den Jubiläums-„Tatort" „Taxi nach Leipzig" anschauen.

Schon in der Entwicklungsphase im Jahr 1969 legte Witte die drei Kriterien fest, die alle „Tatorte" bis heute prägen: „Das erste ist einfach: Regionalität. Das zweite ist, dass der Kommissar die Hauptrolle spielt. Und das dritte, dass der ,Tatort’ die Geschichte der Bundesrepublik spiegeln muss." Zumindest eines hat die 1971 erstmals in der DDR ausgestrahlte Reihe „Polizeiruf 110" mit dem westlichen Pendant gemeinsam: Sie spielt an verschiedenen Standorten.

Im „Tatort" spielte der Aspekt Geschichte schon in der ersten Folge eine gewichtige Rolle: In „Taxi nach Leipzig" ermittelte der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) an der Transitautobahn durch die DDR. Der 1.000. „Tatort" am 13. November heißt wieder genauso, aber zur Feier des Tages gibt es diesmal gleich zwei Kommissare: Klaus Borowski (Axel Milberg) aus Kiel und Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) aus Hannover. Während 1970 die deutsche Teilung den gesellschaftspolitischen Hintergrund abgab, ist es jetzt der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan.

In der Zwischenzeit ist praktisch jedes Thema aufgegriffen worden, das gesellschaftlich relevant war: Sextourismus und Kindesmissbrauch, Neonazis und Gewalt gegen Obdachlose, Müllskandal und Landminen. Manchmal gibt einem am Ende nur die Würstchenbude Halt, an der das Kölner Team Ballauf und Schenk seine Ermittlungen ausklingen lässt, sonst könnte man sich nach all dem Elend rittlings in den Rhein stürzen. Ein „Tatort" kann zwar vom Sonntagabend-Blues ablenken, aber im Anschluss schlägt er umso heftiger zu.

1984 war die Folge „Haie vor Helgoland" sogar so realitätsnah, dass sie zwei Wochen später nachgeahmt wurde: Zwei unbekannte Täter erbeuteten die Tageseinnahmen einer Butterfahrt nach Helgoland in Höhe von 60.000 D-Mark.

Man muss sich klarmachen: Als die ARD-Reihe anlief, beherrschte „Der Kommissar" Erik Ode vom ZDF das Feld, ein älterer deutscher Herr, der seine Sekretärin als „Rehlein" anzusprechen pflegte. Damit verglichen, war der von Sieghardt Rupp gespielte „Tatort"-Fahnder Kressin mit seinen wechselnden Freundinnen und wilden Verfolgungsjagden schon eine Zumutung.

Und dann kam der 28. Juni 1981: Ein Typ schmeißt seinen Fernseher aus dem Fenster, und ein schnauzbärtiger Schlunz schreit ihn an: „Was machst du, du Idiot? Hör auf mit der Scheiße!" Wie sich herausstellt, ist dieser Schlunz der neue Kommissar. Sein Name: Horst Schimanski.

Kommissare: Maria Furtwängler und Axel Milberg ermitteln gemeinsam in der 1.000. „Tatort"-Folge „Taxi nach Leipzig". - © dpa
Kommissare: Maria Furtwängler und Axel Milberg ermitteln gemeinsam in der 1.000. „Tatort"-Folge „Taxi nach Leipzig". (© dpa)

Ein Aufschrei ging durch die Republik, die örtliche CDU wollte sogar den Dank an die Stadt Duisburg aus dem Abspann gestrichen sehen. Kleine Krawalle dieser Art haben den „Tatort" immer belebt. Schimmi – für Götz George (1938-2016) die Rolle seines Lebens – war der erste Bulle, mit dem sich die 68er-Generation voll identifizieren konnte: ein Proletarier in Cowboystiefeln, beigegrauer Feldjacke und sehr hellen Röhrenjeans.

Der deutsche Spießbürger wiederum fand seine Entsprechung in Schimanskis Sidekick Christian Thanner (Eberhard Feik). „Mensch Horst" war das Pendant zu „Harry, hol schon mal den Wagen". Mit den Jahren schlossen aber auch die Linken Thanner ins Herz: Vielleicht spiegelte sich hier schon das Aufweichen des politischen Lagerdenkens.

In den vergangenen Jahren hat der „Tatort" seine Popularität noch einmal gesteigert: Rudelgucken in der Kneipe, 900.000 Fans bei Facebook. „Das ist Kitt für die Gesellschaft", sagt „Tatort"-Koordinator Gebhard Henke. Eine Erklärung dafür hat er ebenso wenig wie Erfinder Witte, doch haben beide den Eindruck, dass es mit dem Münsteraner Duo Boerne und Thiel so richtig losgegangen ist.

Der arrogante Pathologe und der angeschmuddelte Ermittler, kongenial verkörpert von Jan Josef Liefers und Axel Prahl, erzielen nun schon seit vielen Jahren die höchsten Einschaltquoten und sind gerade bei den Jüngeren Kult. So dürfte feststehen: Der „Tatort" – der bereits 2.280 Leichen produziert hat – wird auch in Zukunft noch viele Opfer fordern.

Anfang einer Kultsendung

Die ARD strahlt 1970 den ersten "Tatort" "Taxi nach Leibzig" aus. Die Pilotfolge im Überblick: Der erste „Tatort" mit dem Titel „Taxi nach Leipzig" erreichte traumhafte 61 Prozent Einschaltquote. Allerdings gab es zu diesem Zeitpunkt – dem 29. November 1970 – auch nur drei Programme.

Held ist der Hamburger Hauptkommissar Paul Trimmel (Walter Richter). Sein Markenzeichen: Bierbauch, Zigarre und untrügliche Spürnase. Der Haudegen aus dem Norden ermittelt auf eigene Faust in der DDR. Der Fall: Bei einer Autobahnraststätte in der Nähe von Leipzig ist ein fünfjähriger Junge tot gefunden worden. Per Fernschreiben bittet der Generalstaatsanwalt der DDR die West-Kollegen um Hilfe, denn das Kind trug Schuhe aus der Bundesrepublik. Trimmel winkt erst ab und wird dann doch neugierig – immer mehr Spuren führen in den Westen.

Da sich der Hauptkommissar ohne größeren Papierkram eigentlich nur auf der Strecke nach West-Berlin bewegen darf, täuscht er eine Autopanne vor und fährt im Taxi nach Leipzig. Dort stößt er auf ein makaberes Komplott.

Trimmel sagt Verdächtigen gern mal Sachen wie „Sie Kotzbrocken!" ins Gesicht und geht Schlägereien nicht aus dem Weg. Gefühlt wird in jeder zweiten Szene geraucht und in jeder dritten Szene Cognac gekippt. Ja ja, so waren sie, die 1970er.

Information

Das Auge der Serie

Horst Lettenmayer war noch keine 30 Jahre alt, als er Fernsehgeschichte schrieb. Für den Vorspann zu einem „Pilotfilm" einer neuen ARD-Reihe schaute er vor mehr als 46 Jahren in die Kamera. Das Augenpaar, das im Vorspann des ARD-Krimis zur Musik von Klaus Doldinger zu sehen ist, ist seins.

Weil damals noch niemand wusste, dass aus diesem Pilotfilm die erfolgreichste deutsche Krimireihe werden würde, bekam er damals nur 400 Deutsche Mark Gage für den Tagesjob. Sein juristischer Kampf für mehr Geld und Anerkennung ging nicht zu seinen Gunsten aus. Lettenmayer hatten einen weiteren TV-Auftritt: Er lieh dem Ameisenoffizier der „Biene Maja"-Serie seine Stimme.

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