So lief das Familiendrama in Bad Driburg ab

David Schellenberg

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Tatort: In der ersten Etage eines Bad Driburger Mehrfamilienhauses spielte sich das Familiendrama ab. - © David Schellenberg
Tatort: In der ersten Etage eines Bad Driburger Mehrfamilienhauses spielte sich das Familiendrama ab. (© David Schellenberg)

Bad Driburg. Nachbarn und Anwohner schütteln immer wieder fassungslos den Kopf. Sie sind den Tränen nahe bei dem Gedanken an das schreckliche Familiendrama, dass sich in einem Mehrfamilienhaus in Bad Driburg abgespielte.
Es ist kurz vor 22.30 Uhr am Mittwoch, als eine 28-Jährige fast nackt schreiend aus ihrer Wohnung auf die Straße läuft.

Davon aufgeschreckt ruft eine Hausbewohnerin die Polizei. Als die ersten Beamten wenige Minuten später vor Ort eintreffen, ist die Wohnungstür verschlossen. Drinnen sind neben dem Familienvater die drei Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Die Verständigung mit der jungen Mutter ist zunächst schwierig, da sie nur polnisch spricht, berichtet Achim Ridder, Pressesprecher der Polizei Bielefeld. Wenig später kommt eine weitere Frau dazu, und hilft beim Dolmetschen.

"Diese verzweifelten Schreie werde ich 
nie vergessen"

Inzwischen sind drei Steifenwagen vor Ort. Auch Notarzt und Krankenwagen treffen ein. Die Polizisten versuchen, sich ein Bild von der Situation zu machen, laufen mit Taschenlampen ums Haus, wie eine 36-jährige Nachbarin schildert. Doch die Jalousien der Wohnung sind allesamt heruntergezogen. „Sie haben sowohl mit Klopfen, Klingeln und Anrufen versucht, Kontakt zu dem Familienvater aufzunehmen", schildert Ridder.

Erfolglos, der 36-jährige Mann, der von Nachbarn als Alkoholiker beschrieben wird, reagiert überhaupt nicht mehr. Die Wohnungstür, vor der sich die Polizisten befinden, bleibt zunächst verschlossen. Etwa eine halbe Stunde vergeht. „Dann plötzlich hat die Dreijährige die Tür geöffnet", beschreibt der Polizeisprecher die Szene. Es sind grauenhafte Bilder, die sich den Beamten offenbaren: Die beiden fünf- und acht Jahre alten Kinder sind leblos und weisen mehrere Stichverletzungen auf. Auch der Vater wird tot aufgefunden, auch er hat mehrere Stichverletzungen.

Die dreifache Mutter folgt den Polizisten in die Wohnung. Beim Anblick ihrer toten Kinder beginnt sie markerschütternd zu schreien, wie Tonaufnahmen aus dem Haus dokumentieren. Alle Beruhigungsversuche durch die Polizeibeamten schlagen fehl. „Diese verzweifelten Schreie werde ich meinen Lebtag nicht vergessen", sagt eine Nachbarin aus dem Haus gegenüber, gezeichnet von einer schlaflosen Nacht und der unbeantworteten Frage nach dem Warum.

In der Nacht kümmern sich Rettungsdienst und Notärzte um die 28-jährige Mutter und das dreijährige Kind – auch wenn sie äußerlich unverletzt geblieben sind, wie Achim Ridder betont. Während die Frau ins Krankenhaus gebracht wird, wird die Tochter von Verwandten betreut. Die Polizei Bielefeld setzt eine neunköpfige Mordkommission ein, die noch in der Nacht mit der Arbeit in Bad Driburg beginnt. In weißen Schutzanzügen sichern sie Spuren rund um die Toten, die später abtransportiert werden.

Denn auch wenn die mutmaßliche Tatwaffe, ein Messer, schnell gefunden wird und alle Anzeichen für ein Familiendrama sprechen, bei dem der Vater erst seine beiden Kinder und dann sich selbst umgebracht hat, sind die Hintergründe der Tat und die Umstände in der Wohnung noch völlig unklar.

Offen ist für die Ermittler, was Inhalt des Streits zwischen den Eheleuten war. Auch wenn Nachbarn und Zeugen berichten, dass es immer wieder lautstarken Streit zwischen den Partnern gegeben habe, betont die Polizei ausdrücklich, dass ihr in dieser Familie keinerlei Fälle von häuslicher Gewalt bekannt sind. Deshalb gibt es von den Ermittlern auch keine Bestätigung für die Berichte der Nachbarn, der Mann habe die Frau zum wiederholten Male vergewaltigen wollen, weshalb sie an diesem Abend geflüchtet sei.

Zu den Hintergründen solle die junge Mutter befragt werden, sobald es ihr Zustand zulasse, heißt es vonseiten der Polizei. Weiteren Aufschluss erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion der Leichen, die heute stattfinden soll.

Am Morgen nach der Tat geht die Sonne über dem Mehrfamilienhaus auf, als sei nichts gewesen. Die Tatortarbeit der Mordkommission ist abgeschlossen, kein Polizeiauto mehr zu sehen. Unter dem geschlossenen Rollladen des Kinderzimmerfensters stehen das Fahrrad des toten Jungen und anderes Spielzeug seiner Geschwister.

Ihr neunjähriger Sohn habe mit dem Jungen hinter dem sieben Familien zählenden Haus gespielt, erzählt die 36-jährige Hausbewohnerin. Die Eltern seien unzugänglich gewesen, der Kontakt durch die Sprachbarriere unmöglich. „Ich hoffe nur, dass die beiden Kinder geschlafen haben und keine Schmerzen hatten", sagt sie. Dass sie nicht mehr im Hof spielen werden, kann sie nicht fassen.


Interview mit Rainer-Uwe Burdinski, Psychiater und Gutachter aus Bielefeld

von Martin Fröhlich
Psychiater: Rainer-Uwe Burdinski aus Bielefeld. - © Martin Fröhlich
Psychiater: Rainer-Uwe Burdinski aus Bielefeld. (© Martin Fröhlich)

Wann spricht man von einem erweiterten Suizid?

Rainer-Uwe Burdinski: Darunter versteht man eine suizidale Handlung, bei der nicht nur die betreffende Person selbst sich umbringt, sondern weitere in den Suizid mitgenommen werden. Häufig sind es Familienangehörige.

Die Angehörigen wollen ja aber gar nicht sterben. Ist es nicht eher Mord?

Burdinski: Nein, das lässt sich nicht gleichsetzen. Bei einem erweiterten Suizid liegt eine psychiatrische Störung zugrunde und keine Heimtücke eines psychisch nicht erkrankten Menschen, wie beim Mord. Eine Planung der Tat spricht nicht gegen eine krankheitsbedingte Tatmotivation.

Kommen erweiterte Suizide häufig vor?

Burdinski: Nein, überhaupt nicht. Sie sind eher selten. Es gibt deshalb auch kaum statistisches Material darüber, wie oft das vorkommt.

Passiert so etwas spontan?

Burdinski: Das wirkt oft so, aber häufig steckt dahinter eine lange Entwicklung, aus der eine Depression entstanden ist. Manchmal auch eine wahnhafte Depression oder eine Psychose. Der Gedanke beim erweiterten Suizid ist dann, dass die Betroffenen ihren Angehörigen wie eben den eigenen Kindern eine ihrer Meinung nach drohende Gefahr, ein Unheil ersparen wollen. Zum Beispiel ein Leben in einer zerrütteten Familie. So widersprüchlich das klingt, aber es geht fast um eine altruistische Absicht.

Also nicht um Rache am Ehepartner etwa?

Burdinski: Das kommt auch vor, ist aber eher die Ausnahme. Im konkreten Fall wissen wir ja bislang noch zu wenig, um das genau sagen zu können. Es sieht allerdings nach einer spontanen Eskalation der Gewalt aus.

Kann man erkennen, dass so eine Tat droht?

Burdinski: Das ist natürlich für Außenstehende nicht einfach. Einem Suizid geht oft eine lange Zeit der Erwägung voraus. Wir wissen aber, dass depressive, suizidgefährdete Patienten sich oft sehr plötzlich verändern. Sie sind auf einmal viel ruhiger und gelassener als zuvor, wirken wie verwandelt. Das kann darauf hindeuten, dass sie den finalen Entschluss zum Suizid gefasst haben.

Sehen diese Menschen denn gar keinen anderen Weg mehr in dieser Situation?

Burdinski: In dem Moment offenbar nicht. Das Denken ist dann sehr eingeengt. Ich kann aber sagen, dass die meisten, die einen Suizidversuch überlebt haben, später froh sind, dass er nicht erfolgreich war.

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