Berlin - Helmut Kohl, Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union, ist tot. Der langjährige CDU-Vorsitzende starb im Alter von 87 Jahren, wie sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner der Deutschen Presse-Agentur sagte. Den Angaben zufolge starb Kohl am Morgen in seinem Haus in Ludwigshafen.
Besuch in Lippe
12.000 Menschen haben sich am 25. September 1976 auf dem Detmolder Marktplatz und in den Seitenstraßen gedrängelt, um den Kanzlerkandidaten Helmut Kohl zu erleben. An die Veranstaltung erinnert sich der CDU-Bundestagsabgeordnete Cajus Caesar besonders gut, denn er hat sie mitorganisiert.
"Zu der Zeit gab es Terrorwarnungen und wir hatten Probleme, genügend Ordnungskräfte aufzutreiben", sagt Caesar. Den späteren Bundeskanzler hat er mehrfach getroffen. Besonders beeindruckt habe ihn, dass Kohl seine Ziele sehr nachdrücklich verfolgt habe. "Er hat ein großes Netzwerk gehabt und Versprechen gehalten. Er hat Deutschland international zu neuem Ansehen verholfen", meint Caesar. Die Deutsche Einheit sei sein Verdienst.
Was er als Fehler sieht? "Die Spendenaffäre - da hat er daneben geriffen. Auch wenn man bedenken muss, dass die Parteifinanzierung zu der Zeit rechtlich längst nicht so geregelt war und er sich auch nicht selbst bereichert hat", sagt Caesar.
Rein menschlich sei Kohl keineswegs unnahbar gewesen. "Er war für Späße durchaus zu haben und hatte Humor." Bei seinem Auftritt in Detmold 1976 hatte sich eine Gruppe der KPD lautstark bemerkbar gemacht. Auf langen Stangen hatten sie Kohlköpfe aufgespießt. Kohl antwortete doppelsinnig: "Diese jungen Leute können nicht mehr wissen, wie dankbar die Bürger dieses Landes schon einmal waren, wenn sie nur einen Kohl hatten!"
Für Walter Kern, ehemalger Landtagsabgeordneter aus Lemgo, steht die Lebensleistung Kohls im Vordergrund: "Ich habe Helmut Kohl immer bewundert. Er hat Herausragendes für die Europäische Einigung geleistet und hätte für seine Verdienste um die Wiedervereinigung gemeinsam mit Michail Gorbatschow den Friedensnobelpreis verdient gehabt."
Lippes ehemaliger Landrat Friedel Heuwinkel beschreibt Kohl als "väterlichen Freund". Auf zahlreichen Parteitagen habe er ihn als sehr geselligen und nahbaren Menschen kennengelernt. Die Wiedervereinigung sei die größte politische Lebensleistung Kohls.
Politisches Wirken
Kohl hat die Bundesrepublik Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert - 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war treibende Kraft für die EU und eine gemeinsame Währung.
Als sein größter Erfolg gilt jedoch die deutsche Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.
Kohl war ein Mann der politischen Rekorde: Von 1973 bis 1998 war er CDU-Vorsitzender - eine 25-jährige Amtszeit dürfte in der Partei nur schwer noch einmal zu erreichen sein.
Bundeskanzlerin Angela Merkel führt die Christdemokraten seit 17 Jahren. Kohl war Anfang der 90er Jahre ihr Ziehvater in Bundesregierung und Partei gewesen. Aber sie war es, die Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei wegen der Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, zur Loslösung vom Übervater aufforderte. Das Verhältnis der beiden blieb bis zuletzt erschüttert.
Mehr als 40 Jahre war der geborene Ludwigshafener Parlamentarier, zuerst im Mainzer Landtag und von 1976 an im Bundestag. Sieben Jahre - von 1969 bis 1976 - war Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.
Privatleben
1960 heiratete Helmut Kohl die Fremdsprachensekretärin Hannelore Renner. Das Ehepaar bekam zwei Söhne - Walter und Peter. 2001 nahm sich Hannelore Kohl, die an einer schmerzhaften Lichtallergie litt, das Leben. Sieben Jahre später schloss Kohl seine zweite Ehe mit der 34 Jahre jüngeren Regierungsdirektorin Maike Richter.
Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank, saß im Rollstuhl und konnte nur schwer sprechen. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Nach Operationen lag er monatelang im Krankenhaus. Im Herbst kehrte Kohl aber wieder in sein Haus in Ludwigshafen-Oggersheim zurück, wo er zuletzt im April 2016 noch Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban empfing.