Bielefeld/Berlin. Die Ehen in Deutschland halten immer länger und die Zahl der Scheidungen geht zurück. Eine geschiedene Ehe dauerte 2016 im Durchschnitt 15 Jahre und damit so lange wie noch nie seit der Wiedervereinigung.
Die Zahl der Scheidungen geht nach Angaben des Statistischen Bundesamts seit fünf Jahren zurück.
162.397 Ehen wurden 2016 geschieden, 37.650 Ehen davon in NRW, so wenige wie seit 1992 nicht mehr. Neben den Trends zu weniger Scheidungen und längerer Ehedauer setzt sich auch die Entwicklung zum höheren Durchschnittsalter der Geschiedenen fort. Männer waren bei ihrer Scheidung 2016 im Schnitt 46 Jahre und sieben Monate alt und Frauen genau drei Jahre jünger.
Außerdem werden zunehmend mehr Ehen erst nach der Silberhochzeit geschieden. 2016 war das etwa jede Sechste, 1991 nur jede Elfte. Diesen Trend bestätigt auch die Bielefelder Standesbeamtin Cornelia Schütze: „Für die Eheregister erhalten wir Mitteilungen von Gerichten, wenn Paare, die in Bielefeld getraut wurden, geschieden werden. Mir fällt häufig auf, dass viele geschiedene Paare lange verheiratet waren."
Obwohl die Zahl der Scheidungen sinkt, wird in Deutschland noch immer jede dritte Ehe geschieden. Der Bielefelder Paartherapeut Detlef Vetter berichtet, dass Fremdgehen noch immer ein großes Thema sei. Neu sei der Umgang mit Pornografie im Internet und Erotikchats, für diese Bereiche haben viele Paare keine Regeln. Dazu kommen die Belastungen der Arbeitswelt. Das bestätigt auch Achim Haid-Loh vom evangelischen Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin: „Das partnerschaftliche Ideal von Beziehung auf Augenhöhe, bei der man sich die Kinderzerziehung, den Haushalt und die Berufstätigkeit teilt, zerbirst an der Realität des Arbeitsmarktes und den Schwierigkeiten der Kinderbetreuung."
Entgegen dem Rückgang bei der Zahl der Scheidungen wurden 2016 neun Prozent mehr eingetragene Lebenspartnerschaften aufgehoben als noch 2015. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1.238 Lebenspartnerschaften aufgehoben. Mit Blick auf das Gesetz zur Ehe für alle, die ab Oktober gleichgeschlechtliche Eheschließungen ermöglicht, verbinden Standesämter derzeit vor allem praktische Probleme. „Der Gesetzgeber hat viele Fragen noch nicht beantwortet, deshalb können wir Interessierte aktuell noch nicht adäquat beraten", erklärt Schütze.
Betroffene Kinder
Mehr als die Hälfte der 2016 geschiedenen Paare in Deutschland hat minderjährige Kinder. Fast 132.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren waren von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. „In der Regel brauchen Scheidungsfamilien rund zwei Jahre, um tragfähige Regelungen zu treffen und die emotionalen Belastungen zu verarbeiten", sagt Forschungsdirektorin Sabine Walper vom Deutschen Jugendinstitut in München.