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Digitales Lexikon

Warum wir wie heißen

Mainz (KNA). Müller, Schmidt, Schneider und Fischer. . . So beginnt die Rangliste der am häufigsten vorkommenden Familiennamen in Deutschland. Mehr als 850.000 unterschiedliche Familiennamen finden sich in den Telefonbüchern der Telekom, mehr als 200.000 
kommen häufiger als zehn Mal vor.

Was sie bedeuten, wann sie entstanden sind, das ergründen derzeit Wissenschaftler bei einem auf 24 Jahre angelegten Mammutprojekt, bei dem die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, die Technische Universität Darmstadt und die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zusammenarbeiten.

Ihr Ziel ist ein „Digitales Familiennamenwörterbuch Deutschlands", bei dem erstmals alle Familiennamen erfasst, erklärt und nach regionalem Vorkommen kartiert werden. Alle Bundesbürger sollen künftig ihren Nachnamen und seine regionale Verteilung online recherchieren können – auch die türkisch- oder italienisch-stämmigen.

Das Projekt macht gute Fortschritte: Innerhalb der ersten beiden Jahre haben die Namensforscher unter der Internetadresse www.namenforschung.net die ersten 10.000 Namen analysiert. Die Liste reicht von Aal bis Zylinski. Die Wissenschaftler informieren im Internet nicht nur über die Häufigkeit des Vorkommens, sondern errechnen auch eine Rangfolge der häufigsten Namen, analysieren mögliche Bedeutungen und zeigen die Verbreitung anhand von Karten.

„Kein Name ist langweilig", beschreibt Projektleiterin Rita Heuser ihre Motivation bei der häufig schwierigen Detektivarbeit. Mehr als zehn feste Mitarbeiter – Germanisten, Sprachwissenschaftler, Computerexperten – und weitere Hilfskräfte werten bestehende Namenslexika aus, stöbern in Kirchenbüchern, befragen Dialekt-Nachschlagewerke. Nachnamen seien wichtig für die Identität vieler Menschen, sagt Germanistin Heuser. Zudem erlaubten sie einen Blick in die Vergangenheit und transportierten jede Menge Informationen über Kultur, Geschichte und Alltagsleben der Menschen im Mittelalter.

Wer viel aß, 
wurde Schlemmer genannt

Kein Wunder, dass in der Rangliste der 50 häufigsten Familiennamen die Berufsnamen ganz vorn stehen: Bis Rang 14 handelt es sich ausschließlich um Berufsnamen – von Weber auf Platz sechs über Richter auf Rang 12 bis Bauer auf Platz 14. Erst dann folgt mit „Klein" der erste Familienname, der von körperlichen Merkmalen eines Vorfahren abgeleitet ist. Auch „Lange" (Rang 25), der rothaarige „Fuchs" (Rang 42) und „Jung" (Rang 48) passen in diese Kategorie.

Erst im Verlauf des 12. Jahrhunderts entstanden die Familiennamen. Mit dem Anwachsen der Städte und ihrer Verwaltungen reichten die Vornamen nicht mehr aus. Für Rechtsgeschäfte und Landverkäufe musste genau zwischen Hans und Hans oder Robert und Robert unterschieden werden. Die Familiennamen entstanden.
Vor allem fünf Familiennamenklassen kennen die Namensforscher: Neben den Berufsnamen sind auch Herkunftsnamen häufig. Wer Antwerpes oder Adenauer heißt, hatte Vorfahren in den entsprechenden Orten.

Wer Beck oder Bach heißt, dessen Vorfahren lebten an Bächen, die Waldmanns oder Buschs wohnten nahe bei Wäldern. Auf charakterliche Merkmale verweisen Familiennamen wie Sonnenschein oder Kühn; Namen wie „Weiß", „Roth" oder „Kraus" gingen auf Haarfarbe oder Haarbeschaffenheit zurück. Bestimmte Verhaltensweisen führten zu Namen wie „Still" oder „Stille". Jemand, der viel isst, wurde „Schlemmer" genannt.

Viele Namen wurden auch aus Vornamen generiert: Marx kommt von Marcus, Lehnhart von Leonhardt. Viele wurden auch nach dem Vatersnamen gebildet: Bernd Jensen bedeutet Bernd, Sohn des Jens. Seine Datenbasis verdankt das Projekt der Deutschen Telekom und den Telefonbüchern des Jahres 2005. Damals hatten noch rund 92 Prozent aller privaten Haushalte einen Festnetzanschluss bei der Telekom. Auch die regionale Verteilung geht daraus hervor – ein Forschungsfeld unermesslichen Ausmaßes, wie Heuser betont.

Mittlerweile wäre eine aktuelle Studie diesen Ausmaßes nicht mehr möglich: 2012 hatten mit 18,2 Millionen nur noch rund 65 Prozent der Bevölkerung einen Festnetzanschluss, Tendenz sinkend.

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