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Rheda-Wiedenbrück

Idee zum Fachkräftemangel: 5.000 Euro Prämie für Pflegekräfte

Rheda-Wiedenbrück. In kaum einer Branche fehlen so viele Kräfte wie in der Pflege, auch in OWL. Das spüren Heimbewohner, Klinikpatienten und Familien, die Pflegeplätze suchen, jeden Tag. Die Politik ringt verzweifelt um Lösungen. Eine Idee aus OWL sorgt jetzt für Aufsehen: Prämien für Pflegekräfte.

Der Vorstoß kommt vom Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus aus Rheda-Wiedenbrück. Er schlägt vor, dass Berufsrückkehrer einmalig 5.000 Euro bekommen. Pflegekräfte, die nach der Ausbildung direkt in eine Festanstellung gehen, sollen 3.000 Euro erhalten. Für die Aufstockung der Arbeitszeit soll es auch Prämien geben. Finanzieren sollen diese nicht die Arbeitgeber, sondern der Bund. Im ersten Jahr würde das 570 Millionen Euro kosten, in den Folgejahren 345 Millionen Euro.

Das Echo auf den Vorstoß fällt geteilt aus. Rainer Norden, Vorstand der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, begrüßt "jegliche externe Finanzierung, die zur Verbesserung der Lebenssituation der Pflegenden beiträgt". Ob die Einmalzahlung den Fachkräftemangel nachhaltig behebt, müsse die Zeit zeigen. Zustimmung auch von Georg Rüter, Geschäftsführer des Bielefelder Franziskus-Hospitals: "Zusätzliches Geld entfaltet als Anreiz am ehesten eine Wirkung. Das könnte funktionieren." Rüter wertet vor allem die Prämie für eine Aufstockung der Arbeitszeit als guten Vorstoß: "Das führt in die richtige Richtung und weg von Pflegemindestschlüsseln, die kaum zu erfüllen sind."

Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung, ordnet die Idee so ein: "Das wäre eine unorthodoxe Maßnahme und das zeigt, dass der Pflegebeauftragte den Ernst der Lage verstanden hat." Der Versuch, Berufsaussteiger zurückzuholen, sei sinnvoll. "Gerade im ersten Berufsjahr verlieren wir viele Kräfte wegen der Arbeitsbedingungen." Die Ausbildung neuer Kräfte dauere Jahre. Westerfellhaus? Vorgänger im Amt, NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), bewertete die Idee als "hochinteressant".

AWO-Bundeschef Wolfgang Stadler aus Bielefeld kritisierte, der Fachkräftemangel lasse sich nicht mit einmaligen Geldgeschenken bekämpfen. Die dauerhafte Lösung liege in der Einführung eines allgemeinverbindlichen Tarifvertrags in der Pflegebranche. Ein verbindlicher Tarif würde aber die Kosten für die Träger erhöhen. "Deshalb brauchen wir mehr Geld von Behörden und Kassen, um das zu stemmen", so Kerstin Bergner vom DRK in Bielefeld. Sie glaubt nicht, "dass die Prämien-Idee funktioniert". ¦ Kommentar

Kommentar

Deutschland muss in Sachen endlich aufwachen

Von Martin Fröhlich

Da hat der neue Pflegebeauftragte der Bundesregierung ja gleich für ordentlich Wirbel gesorgt. Andreas Westerfellhaus, Ostwestfale aus Rheda-Wiedenbrück, lässt mit seiner Prämien-Idee im Kampf gegen den Pflegekräftemangel aufhorchen. Wobei Kampf das entscheidende Wort ist, denn bislang konnte davon nicht die Rede sein. Der Vorschlag, mit Prämien Berufsaussteiger zurückzuholen und Teilzeitkräfte zum Aufstocken zu bewegen, kommt zur passenden Zeit.
Warum? Weil zwar seit Jahren darüber ge(weh)klagt wird, dass wir zu wenige Pflegekräfte haben, uns Heimplätze fehlen und Klinikpatienten oft nach Pflegepersonal auf den Stationen suchen müssen. Doch was hat das Land dagegen getan? Reden geschwungen: Der Beruf muss attraktiver werden! Aber wie? Ausländische Kräfte müssen her! Aber sind das alles Fachkräfte und wo kommen die so schnell her? Die Krönung war der Vorschlag im Koalitionsvertrag der GroKo, als Sofortmaßnahme 8.000 zusätzliche Stellen zu finanzieren. Der Haken dabei: Es muss sich erst einmal eine Pflegekraft auf eine der Stellen bewerben.
Natürlich ist Westerfellhaus’ Idee ein Tropfen auf dem heißen Stein und reicht längst nicht aus. Aber sie rüttelt wach. Weil sie nicht Stellen finanziert, sondern das Geld direkt an die Pflegekräfte zahlen will. Und weil die Verantwortung nicht mehr allein bei Heimträger und Klinik liegt. Diesmal ist der Staat und damit der Steuerzahler direkt mit im Boot. Die Prämie würde der Bund zahlen und damit wir alle. Und Pflege ist unser aller Aufgabe. Als Gesellschaft und als Land.

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