Bielefeld/Bad Nenndorf. Es ist die dunkle Seite des Super-Sommers: Seit Jahresbeginn kamen deutschlandweit schon mehr als 300 Menschen beim Baden ums Leben, 37 in Nordrhein-Westfalen. Zu den Todesopfern zählten ein Kleinkind und vier Erwachsene aus Ostwestfalen-Lippe. Deutschlandweit ist besonders die Zahl der verunglückten Kinder alarmierend: Mehr als 20 Kinder unter 15 Jahren und über 40 junge Frauen und Männer zwischen 16 und 25 Jahren sind deutschlandweit ertrunken. Wird Deutschland ein Land der Nichtschwimmer?
Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beklagt schon seit längerem Bäderschließungen, fehlenden Schwimmunterricht an Grundschulen sowie mangelndes Engagement der Eltern, ihren Nachwuchs bis zum Schwimmabzeichen Bronze zu bringen. Sicher schwimmen zu können, ist wichtig. Denn sonst kann der Ausflug zum See oder ins Freibad schnell gefährlich werden.
Das bestätigt auch Frank Keminer, Vorstandsmitglied bei der DLRG Bielefeld. In Bielefeld gebe es zwar viele Freibäder, doch wenig Hallenbäder. „Und die brauchen wir für den Schwimmunterricht im Verein und in Schulen", sagt Keminer. Mindestens jedes vierte Kind hat keinen solchen Unterricht, sagt ein Experte des DLRG-Bundesverbandes.
Schwimmunterricht ist Teil des Lehrplans. Doch wenn in der direkten Umgebung einer Schule kein Schwimmbad liegt, wird die Umsetzung schwierig, sagt Keminer. „Anfahrt, Abfahrt und das Umziehen gehen von der Schwimmzeit ab", sagt er. Eine repräsentative Forsa-Umfrage aus 2017 hat deutlich gezeigt: 59 Prozent der Zehnjährigen sind keine sicheren Schwimmer. Als sicherer Schwimmer gilt, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens in Bronze (Freischwimmer) erfüllt.
Flüchtlinge stellen laut DLRG eine besondere Risikogruppe dar, denn in vielen Herkunftsländern gehört das Schwimmenlernen nicht zum Aufwachsen dazu. Aber auch viele Erwachsene deutscher Herkunft können nicht schwimmen, weiß Keminer. Die meisten Nichtschwimmer würden Badeanstalten einfach meiden. Dass jemand Nichtschwimmer ist, falle häufig erst auf, wenn er eine Verordnung des Arztes für Rehasport im Wasser bekomme.
Die vielen Badeunfälle haben nach Expertenmeinung aber auch andere Ursachen und sind nicht nur Ausdruck der wachsenden Zahl von Nichtschwimmern. Leichtsinn, Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung an unbewachten Gewässern sind laut DLRG die häufigsten Gründe für Badeunfälle. In Nordrhein-Westfalen sind bis einschließlich Juli 37 Menschen bei Badeunfällen gestorben. Im Vorjahreszeitraum waren es 35. Auffällig ist, dass besonders häufig Männer bei Badeunfällen verunglücken. Nur 20 Prozent der Badetoten sind weiblich.