Vom grauen Wohnblock ins Furlbachtal

Hanna Paßlick und Jessica Weiser

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Urlaubsvergnügen der 1960er (© Privat)

Schloß Holte-Stukenbrock. Urlaub? Daran war in Nachkriegs-Deutschland zunächst nicht zu denken. Doch schon in den frühen 1950er- Jahren sollte sich das ändern. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kam nach den Jahren des Verzichts und der Not bei den Menschen auch der Wunsch nach Vergnügen und Erholung auf – auch wenn es erstmal „nur" beim Urlaub im eigenen Land blieb – zum Beispiel beim Camping in Ostwestfalen-Lippe.

Camping, das hieß Ende der 60er-Jahre: Wenig Aufwand und geringe Kosten für maximale Freiheit und viel Natur. Dafür wurde einfach alles Notwendige in und auf das Auto geladen. Innerhalb weniger Stunden ließen sich schließlich die Küste, die Berge oder einfach ein erholsames Wald- oder Wiesenstück in der eigenen Region erreichen.

„Im Rückblick hat das Camper-Leben damals eine echte Sternstunde erlebt", sagt Campingplatz-Betreiberin Annette Auster-Müller. Ihr Anwesen am Furlbach in Schloß Holte-Stukenbrock hatte 1958 ihr Onkel eröffnet. Zehn Jahre später sei der Platz plötzlich regelmäßig ausgebucht gewesen, so Auster-Müller. Die ersten Gäste kamen aus dem nahegelegenen Ruhrgebiet und wollten dem grauen Arbeitsalltag entfliehen. Viele seien Vertriebene gewesen, Heimatlose, die in grauen Blocks zusammenwohnten und keinen eigenen Garten hatten. „Diese Menschen waren gebeutelt und hungrig nach Erholung und Vergnügen." Als Camper hätten sie einfach das Gefühl genossen, in der freien Natur zu sein.

Zwischen 1950 und 1970 stieg der durchschnittliche Urlaubsanspruch der Arbeitnehmer in Westdeutschland von 14 auf 20 Arbeitstage im Jahr. Nicht nur die Lust am Reisen wächst in den 50er-Jahren, sondern auch die Mobilität. So waren 1953 in der BRD eine Million Personenkraftwagen gemeldet. Dank eines eigenen Autos und der neuen Brenner-Autobahn im Süden war nun auch das damalige Traumziel der Deutschen erreichbar: Italien. Egal ob mit Zug, Bus oder Auto – in den 1960er-Jahren hielt es die Mehrzahl der Deutschen nicht mehr zu Hause. Tausende quälten sich mit ihren Autos über die Alpen.

„Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Autos damals noch nicht annähernd so leistungsfähig waren wie heute", weiß Erwin Pfeiffer, ADAC-Touristik-Experte. Auch Grenzkontrollen und Zolldokumente konnten die Reisenden nicht aufhalten. „1968 wurden etwa 180.000 Reiseberatungen vom ADAC für seine Mitglieder geleistet", ist im Touristik-Archiv des ADAC vermerkt. Die Top Fünf der Mitglieder: Italien, Spanien, Jugoslawien, Österreich und Deutschland.Die Beratung des ADAC erfolgte 1968 mit Tourenkarten zum Umklappen, so Pfeiffer. „Wer verreisen wollte, kam in seine ADAC-Geschäftsstelle und erhielt dort alle wichtigen Infos zu seiner Route."

1956 landet die erste deutsche Maschine auf Mallorca – allerdings waren Flugreisen zu dieser Zeit noch purer Luxus. Auch das änderte sich in den 1960er-Jahren. Der erste Fernreisekatalog von Scharnow-Reisen und Touropa (Gründungsmitglieder der TUI) erschien zum Beispiel im Winter 1967/68. Von da an stieg die Nachfrage nach Fernreisen kontinuierlich.

Im Sommer 1970 buchten bereits 15.000 Gäste einen Langstreckenflug. In einer Pressemitteilung teilt Scharnow-Reisen 1970 mit: „Das Jumbo-Zeitalter ist angebrochen." Die Karibik und Kenia entwickelten sich zum Renner auf der Fernstrecke. Wem das zu konventionell und spießig war, der setzte sich in den eigenen Kleinbus und fuhr damit über Afghanistan und Pakistan nach Indien.

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