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Herford

Kindliche Stubenhocker werden Dauerpatienten in der Orthopädie

Herford. Um das Büro der Kinderorthopädin Tamara Seidl im Klinikum Herford zu finden, bedarf es eines Ortskundigen in diesem Krankenhaus oder zumindest einer genauen Beschreibung. Unten im Keller des Klinikums, vorbei an der Reinigungsstation, dem Bettenlager, der Pathologie und dem Labor kommt man seinem Ziel näher, auch wenn das Schild Tropenmedizin das Gegenteil vermuten lässt. „Das muss noch weg, ansonsten habe ich mich aber schon super eingelebt", sagt Tamara Seidl und lacht laut auf.

Sie ist eine relativ kleine, quirlige Frau. Ihre dunkelbraunen Haare hat sie zu einem gestuften Bob geschnitten, die dunkelbraunen Augen blitzen voll Eifer und Lebensfreude. Ein bayrisches Madl in Ostwestfalen-Lippe. Über das Franziskushospital in Bielefeld kam sie nicht nur nach OWL, sondern auch zur Kinderorthopädie. Ein Berufsfeld mit wachsender Bedeutung, das sie mit großer Leidenschaft beackert.

„Wir werden viele blaue Wunder erleben", prophezeit Seidl. Grund sei der verbreitete Bewegungsmangel unter den Heranwachsenden. Und die Stubenhocker von heute seien die Orthopädiepatienten von morgen. „Der Grundstein für die Knochendichte wird bis zum 25. Lebensjahr gelegt. Je nachdem wie hoch sie dann ist, entscheidet sich der weitere Gesundheitsverlauf der Knochen." So würden Brüche aufgrund von Osteoporose, die heute vermehrt bei Menschen ab 60 Jahren auftreten, heute deutlich früher vorkommen. Hinzu komme Gelenkverschleiß und somit frühere Korrekturoperationen an Knie oder Hüfte wegen Übergewichts. „Das ist auch ein volkswirtschaftliches Problem." Da müssten politische Entscheidungen her, sagt sie.

Auf die Frage, was sie täte, wenn sie politisch entscheiden könnte, schüttelt sie den Kopf. Dann hat sie doch eine Idee: „Vielleicht sollten wir es so machen wie die Franzosen. Dort wird in den Ganztagsschulen automatisch mehr Bewegung in den Unterricht eingebaut. „Das A und O ist aber das gute Beispiel der Eltern." Auch ein dickes Kind könne zum Sport motiviert werden, man müsse etwas finden, das ihm Spaß macht: „An Kletterparks zum Beispiel haben die meisten Kinder Freude und davon gibt es in der Region ja eine Menge."

Das kindliche Gelenk und seine Veränderungen in den Wachstumsstufen sind ihre Spezialgebiete als Kinderorthopädin. Natürlich ist sie nicht die einzige ihrer Fachrichtung, doch viele sind es nicht. In OWL gerade eine Handvoll. „Die Kinderorthopädie ist nicht gewinnbringend. Kinder können bockig sein, dann braucht es Zeit und Geduld, aber das wird von den Kassen nicht vergütet", erklärt die 41-Jährige.

Dabei werde die Beratung immer wichtiger. „In den früheren Großfamilien war das Wissen um das kindliche Skelett und seine Veränderungen nicht nur bekannt, sondern auch bei den anderen Kindern zu sehen." X- und O-Beine etwa gehörten zum kindlichen Wachstum dazu, doch das wüssten nur wenige. „Bis zum zweiten Lebensjahr hat jedes Kind O-Beine. Es läuft nicht oder beginnt erst damit. Infolge der Gewichtsübernahme verläuft das Wachstum antiproportional und es kommt zu X-Beinen. Die wachsen sich meist ab dem achten Lebensjahr aus." Ein Eingriff in diese biologisch begründete Normalität wäre fatal.

„Man sollte nicht in Wachstumsfugen eingreifen, wenn man deren Wachstumspotenzial nicht kennt, denn nicht jede verhält sich gleich", sagt Seidl. Auch das ist etwas, was nur ein Kinderorthopäde oder Kindertraumatologe wissen kann. „Das Wachstum und die Entwicklung des kindlichen Skeletts sind ein Randgebiet in der Ausbildung, das häufig zu kurz kommt. Sogar noch mehr, seitdem die Fachbereiche Orthopädie und Unfallchirurgie zusammengelegt wurden. Die Fugen sind Freund und Feind zugleich", sagt Seidl und erklärt, dass sie immer dann zum Freund werden, wenn durch kleine Eingriffe Fehlstellungen einfach „auswachsen" können. Im Fall von Knochenbrüchen könnten sie aber auch zum Feind werden.

Seidl erzählt fundiert, gestikuliert und geht zur Not auch durch den Raum, um bestimmte Fehlstellungen deutlich zu machen und dem Laien zu erklären, was Begriffe wie Innenrotationsgang bedeuten. Dass sie schon immer Kinderärztin werden wollte, ist leicht zu spüren. Sechs Jahre Studium, sechs Jahre Facharztausbildung und zwei Jahre Weiterbildung hat sie investiert, um nach dem Aufbau der Kinderorthopädie am Franziskushospital in Bielefeld nun auch am Klinikum in Herford den Fachbereich aufzubauen – in der Orthopädie ist dafür viel Schlagfertigkeit nötig. Für Seidl war das nie ein Problem. Sie ist nicht auf den Mund gefallen und vertritt selbstbewusst ihre Ansichten. Das hat sie in der Vergangenheit schon bewiesen. „Zum Beispiel bei meiner ersten Stelle als Ärztin im Praktikum. Von 30 Assistenzärzten war ich die dritte Frau und mein Chef sagte todernst: ,Jetzt habe ich die Frauenquote übererfüllt.’" Viele männliche Vorgesetzte, so nimmt es Seidl wahr, empfänden Frauen als bedrohlich.

Etwas, das sie auch gut auf die Ostwestfalen vorbereitet hat. Denn auch dieser Schlag Mensch ist nicht ganz einfach, wie das bayrische Madl festgestellt hat. „Sie sind aber im Grunde ähnlich wie die Bayern: Ehrliche und treue Menschen." Das habe es ihr leichter gemacht, hier Freunde und eine neue Heimat zu finden: „Sehr zum Leidwesen meiner Eltern." Doch zurück will Seidl vorerst nicht mehr.

Orthopädie: Die Männerdomäne

Der Fachbereich Orthopädie und Unfallchirurgie ist eine Männerdomäne. „Eigentlich spannend, denn die Medizin wird zunehmend weiblicher", sagt Tamara Seidl. Grund ist vermutlich, dass er wenig familienfreundlich ist. „Aber es gibt viele Nischen darin, die es sind. Zum Beispiel die Kinderorthopädie, die Hand- oder Fußchirurgie." Ein ordentlich dickes Fell muss Frau trotzdem haben. „Ja, man muss teilweise mit heftigen Sprüchen von Kollegen und Vorgesetzten klarkommen."

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